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Einquartierung

EinquartierungNun hab ich also plötzlich Gäste,
vier Leute, die solid und still
und die ich deshalb auf das Beste
bedienen und bewirten will.

Und da sie offen mir gestanden,
wie häuslich sie seit immer schon,
wir beiderseits geboten fanden
Verpflegung nur per Vollpension.

Das hört sich nach gefüllter Schüssel
dreimal am Tag zumindest an.
Doch falsch! Mit so ‘nem kleinen Rüssel
nur wenig man vertilgen kann.

Im Übrigen auf Kost sie schwören,
die rundum vegetarisch ist;
hauptsächlich Gurken, manchmal Möhren,
und Heu, wie’s auch der Klepper frisst.

Gern würd ich alles ihnen geben,
was ich für mich auch selber kauf;
doch da sie so genügsam leben,
nun, dränge ihnen ich nichts auf.

So leise sind sie und bescheiden
und freun sich über jeden Happs!
Man muss die Lütten einfach leiden,
als wär man Mama oder Paps.

Doch geht das ja nur wochenweise:
Meerschweinchen ha’m ein Stammquartier.
Kehrt’s Frauchen heim von seiner Reise –
ab dann nach Haus auch diese vier!

Zukunftsängste

ZukunftsängsteNicht dass mir immer davor graute,
schlaf in den Montag ich hinein:
Seitdem ich meinen Rentner baute,
kann mir das ziemlich schnuppe sein.

Ich muss ja nicht mehr aus der Falle
zum Start in den Fünf-Tage-Trott,
nur dass für jedes Pillepalle
‘n Chef mich nervt mit hü und hott.

Normalerweise kann ich pennen
bis in die Puppen, wie es heißt,
und Frühstück meine Mahlzeit nennen,
wenn auch schon hoch die Sonne kreist.

Doch morgen fängt für mich die Woche
geruhsam nicht wie üblich an,
nein, mit Gehämmer und Gepoche,
dass keine Sau mehr schlafen kann.

Die fleißigen Fassadenflicker
sind nämlich immer noch im Gang
und machen diesen Altbau schicker
inzwischen schon sechs Wochen lang.

Das geht den ganzen Tag so weiter
mit dem Kakophonie-Konzert
auf dieser Zwölf- und Mehrtonleiter,
Männern vom Bau besonders wert.

Soll ich mich deshalb ausquartieren
dahin, wo meine Ohrn man schont?
Nein, nur die Nerven nicht verlieren –
vielleicht, dass sich das Leiden lohnt!

Alles Makulatur

Alles MakulaturJetzt hab ich schon so viel geschrieben,
und kein Verleger ruft mich an.
Missachtet ist, verpönt geblieben,
was reich mir aus der Feder rann.

Wie emsig auch die blaue Mine
tagtäglich übers Blatt mir glitt,
die Töchter, ach, der Mnemosyne,
sie kriegten es wohl gar nicht mit.

Nun, schließlich bin ich ja kein Schreier,
der seine Ware ausposaunt,
kein Gift- und Gallespeier,
den für Grimassen man bestaunt.

Flanier auch nicht mit Künstlermähne
gewichtig übern Boulevard
(wobei ich ehrlich hier erwähne:
Das ging auch schon nicht mangels Haar.).

Bin Mitglied nicht in Versvereinen,
wo für Poeme man entbrannt,
die wunderbar und göttlich scheinen
der Pfarrerswitwen Kunstverstand.

Nein, wo mit Pauken und Trompeten
allein man sich Gehör verschafft,
zähl zu den Stilln ich, Obsoleten,
Gescheiterten verkannter Kraft.

Man müsste ‘nen Verleger kennen,
mit dem man mal ein Gläschen kippt!
Gut! Dazu gilt’s ihm einzurennen
die Bude mit ‘nem Manuskript!

Globaler Alltag

Globaler AlltagHeut Morgen kam der Schornsteinfeger
und hat die Heizung kontrolliert;
in China wo ein Fliesenleger
marode Böden repariert.

Ein Schwätzchen hab mit ihm gehalten
ich über dies und das;
es stritten bis zum Haarespalten
sich Züchter über Ananas.

Kaum war er durch die Tür entschwunden,
hab ich zum Frühstück mich gehockt;
in Frunse hat ‘nen Zopf gebunden
ein Fräulein, das gern Suppe wokt.

Danach beim Kaffee noch Lektüre:
Roman, Erzählung, Poesie.
Schnitt: Eine römische Walküre
beugt vor Franziskus ihre Knie.

Und Schluss mit Trödeln: Staubtuch, Besen
wolln säuberlich getummelt sein;
‘ne Sennerin sitzt schon beim Käsen
auf ihrer Alm am Fleckenstein.

Ist dann die Bude blank gewienert,
wird erst einmal der Bauch gestopft;
in Nottingham ein Butler dienert
auf Oxfordisch gepflegt „verschnopft“.

O nein, noch rasch in’n Laden hasten!
Paar Sachen sind schon wieder aus;
Asketen aller Länder fasten
den Leib sich aus dem Körper raus.

Am späten Abend Sterne gucken
und Mondschein, voll in Blüte jetzt;
in Yokohama Sake schlucken
lunatics, aber zeitversetzt.

Was immer ich grad tu und mache,
ein andrer tut es grade auch;
genau wie ich schnarcht der Kasache
und strullt der Inder an den Strauch.

Ja, selbst in irdischen Extremen,
so am Äquator und am Pol,
muss jeder täglich Zeit sich nehmen
für seinen Nutzen und sein Wohl.

Und so wie ich gehn jetzt Millionen
vorm Schlafen noch mal aufs Klosett.
Der gleiche Geist muss in uns wohnen –
an seinem Ort, in seinem Bett.

Pflichtwechsel

PflichtwechselDa ich ja längst im Ruhestande,
sorg um den Montag ich mich nicht,
komm jetzt mit jedem Tag zu Rande,
weil jeder Muße mir verspricht.

Wann soll ich in die Puschen hüpfen?
Na, wann schon – wenn es mir gefällt.
Wann Bande außer Hauses knüpfen?
Na, wie der Dachdecker es hält.

Termine, Fristen, Konferenzen:
Vergangenheit, von Staub bedeckt.
Die einz’gen Zwänge, einz’gen Grenzen
sind die, die ich mir selbst gesteckt.

Die aber nur nicht unterschätzen!
Wenn sich die Pflichten erst verliern,
neigt man dazu, sich hinzusetzen
und Löcher in die Luft zu stiern!

Zeit hat man ja nun jede Menge,
nichts treibt zu irgendwas noch an,
und – morgen! – zieht man in die Länge,
was man auch heut besorgen kann.

So sorglos in den Tag zu leben,
ist auch nicht grad das A und O.
Der Ruhestand gerät daneben,
lautet sein Motto „nitschewo“.

Nun bist der Arbeit Plagegeister
du endlich los in allen Ehrn
und bist dein eigner Herr und Meister –
um dich als solcher zu bewährn!

 

 

Menschliches Versagen

Menschliches VersagenJa, rekle dich mit Wohlbehagen
auf Urlaubsfahrt im Reisebus:
Ein Knall – und schon wird Leichenwagen,
was doch der Freude dienen muss!

Das Leben hängt am seidnen Faden,
wo immer sich’s auch sicher glaubt –
es hat Freund Hein mit aufgeladen,
der nur drauf lauert, dass er’s raubt.

Der Mensch indes, der’s besser fände,
dass dieser ihm vom Leibe blieb,
spielt ihm doch immer in die Hände
durch seinen dumpfen Technik-Trieb.

All den Geräten und den Kisten
vertraut er sich tagtäglich an,
todsicher, stets zu überlisten
den allpräsenten Sensenmann.

Der schläft ja auch zum größten Teile,
und unbenutzt die Sichel liegt.
Mit seinem Job hat’s keine Eile,
weil er am Ende alle kriegt.

Doch manchmal juckt’s ihm in den Fingern,
hat unversehns er Blut geleckt –
dann bringt er so ‘nen Bus ins Schlingern –
und das Massaker ist perfekt!

So lauern überall Gefahren,
verkannt, verharmlost und verdrängt.
Auch an der Produktion von Bahren
so mancher Arbeitsplatz wohl hängt.

Einfach mal abschalten

Einfach mal abschaltenVor allem einfach mal so sitzen,
an nichts mehr denken, unbeschwert;
der Himmel grau, die Sterne blitzen;
ein Augenblick, der ewig währt.

Was gestern war, das ist vergessen;
was morgen kommt, das ist egal.
Kein Grund, mehr, um die Zeit zu messen;
kein Warten auf ein nächstes Mal.

Nach draußen alles abgeschaltet;
nur in sich selber ruhn, entspannt.
Die Seele ihre Hände faltet,
dem tiefsten Frieden zugewandt.

Die Straße selber liegt verlassen
und räuspert sich mit keinem Laut.
Gefühle, Wünsche, Lieben, Hassen
sind unerreichbar wo verstaut.

Und da man aufgehört zu spüren,
auch das Begehren sich verlor:
Man möchte nur noch weiterführen
dies Schweben wie im Engelschor.

So könnt ich mir ‘s Nirwana denken,
wie Strophe 1 ich es Vers 4
euch schon als Hinweis wollte schenken
auf diese schöne sechste hier.

Doch trügt der Schein. Nur Kräfte sammeln
will so ich in versenkter Ruh.
Soll ich im ew’gen Nichts vergammeln?
Wer singt dann weiter? Leser, du?

Krisensitzung

KrisensitzungHeut sitzt die Stille mir im Nacken
so wie ein Mühlstein, tonnenschwer,
den hundert Händen anzupacken
und wegzurolln unmöglich wär.

Sie lastet auch auf meinen Zeilen,
die zäh sich wälzen in der Spur,
statt flink und frisch dahinzueilen
wie ‘n Bächlein in der Bergnatur.

Sonst war sie mir doch stets willkommen,
weil den Radau sie mir vertrieb,
den meine Sinne aufgenommen
mehr wie ein Schwamm denn wie ein Sieb.

Und so geläutert schenkten diese,
entgegen städt’schem Augenschein,
der Fantasie ‘ne Blumenwiese,
dem Dichter einen Palmenhain.

Soll das nun nicht mehr funktionieren?
Lähmt Ruhe jetzt, und Lärm befreit?
Kein Kommentar. Erst ausprobieren.
Gewissheit braucht ja ihre Zeit.

Das Schlimmste wär, ich müsst erkennen,
dass meine Schaffenskraft der Grund:
Die Geisteslichter schwächer brennen,
die Produktion läuft nicht mehr rund.

Je nun, solang die Zelln noch rauchen,
lass ich sie nicht zum Teufel gehn.
Mag sein, ich werde länger brauchen –
ob’s schadet, wird man dann ja sehn.

Letzte Instanz

Letzte InstanzWenn mit dem Pfeifchen er al dente
geschäftig übern Rasen rennt,
dann seht in seinem Elemente,
den Schwarzen, den man Schiri nennt!

Er muss die Lage überblicken,
dies rasche Hin- und Hergeschieß,
um jedem was am Zeug zu flicken,
der gegen ‘s Reglement verstieß.

Ein Pfiff, und wie sie Männchen machen,
die grade höllisch noch gekeilt!
Am wenigsten ha’m die zu lachen,
an die er Gelb und Rot verteilt.

Ein Richter ist er, unbestechlich,
der gnadenlos sein Urteil fällt,
wenn überzeugt er, dass tatsächlich
der X dem O ein Bein gestellt.

Auch will es seine Schiri-Ehre,
dass nie er kompromissbereit,
genießt in Fragen er der Lehre
doch päpstliche Unfehlbarkeit.

Das Spiel ist ihm ‘ne heil’ge Sache,
er zelebriert’s gebärdenreich,
und wie ein Gottesmann vom Fache
fühlt er sich fast dem Höchsten gleich.

Der aber auf erhabner Warte
noch strenger pfeift als unser Held –
und bald ihm zeigt die schwarze Karte,
die letzte, die heißt unters Feld.

Bunte Vögel

Bunte VögelJetzt noch ‘ne Runde Glockenläuten,
‘ne Handvoll Kühe, die miaun,
zwei Gänse, die ‘nen Hund erbeuten,
und einen Taubenschlag voll Sau’n.

‘nen Hahn, der im Pyjama schreitet,
der Kamm im Irokesenlook,
‘nen Gaul, auf dem der Pfarrer reitet,
die Augen stur im „Habakuk“.

Na, und so weiter und so weiter
und die Idylle wär komplett –
nein, fehlte noch die Hühnerleiter,
des Federvölkchens Plumpsklosett!

Muss leider ja ein Wunschtraum bleiben,
so ‘n Hof mit allem Drum und Dran,
wo alle es noch bunter treiben,
als sonst bei Hof man’s sehen kann.

Nicht einmal Glocken mir erklingen,
Präludium der Abendruh,
nein, alles geht mit rechten Dingen
und gleichsam ländlich sittlich zu.

Das nennt man citynahes Wohnen:
Man lebt im Zentrum punktgenau,
und um die Nerven mal zu schonen,
besucht man eine Gartenschau.

Gewiss kann man auch Hühner sehen
hier in der Nähe, gar nicht weit:
Goldbraun sie sich am Spieße drehen –
Idylle, ach, der Traurigkeit!