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Wasser marsch!

Selbst in den Paradiesesschänken
schenkt man nicht reinen Wein nur ein,
der Herrgott, hier als Wirt zu denken,
pantscht öfter auch mal Regen rein.

Mit andren Worten: Wermutstropfen,
die manchen Erdentag vergälln,
indem sie an die Scheiben klopfen,
um feuchte Grüße zu bestelln.

So ging es achtundvierzig Stunden
sogar am Stück, in einem Guss,
zwei ausgewachsne Globusrunden
voll überflüss’gem Überfluss.

‘ne Meinung, die nicht alle teilen
(das geb ich unumwunden zu),
die als Bewohner hier verweilen
vom Urschrei bis zur Grabesruh.

Denn nach dem höllisch heißen Sommer,
der noch den letzten Halm versengt,
freut man natürlich sich noch frommer
des Himmels, der die Felder sprengt.

Die rosarote Sonnenbrille,
die der Tourist vors Auge klemmt,
verkleinert eher die Pupille
und seinen Blick ins Weite hemmt.

Der Herr vom Lauter-Krimskrams-Laden,
der auch mein Wochenzeitungsmann,
beschwor mit Leidenschaft den Schaden,
den zu viel Sonne stiften kann.

Ich war ihm mitten aus ‘nem Schauer
in seine Bude reingeschneit
und fühlte mich nicht grad als Bauer,
der „Regen, Hosianna!“ schreit.

Doch tropften seine weisen Worte
mir auch nicht ab vom Trommelfell,
ich ließ sie ein durch diese Pforte,
dass ich dem Hirn sie überstell.

Inzwischen brütet längst schon wieder
die Sonne auf dem Erden-Ei,
die Strahlen breitend als Gefieder,
dass es auch trocken gut gedeih.

Schöner Schein

Wie könnt man schmatzen, schlurfen, husten,
wär auf ‘ner Insel man allein,
ja, Winde aus dem Hintern pusten,
wo niemand pinkelt dir ans Bein!

Das, was man in der Kinderstube
dir als Benimm aufs Brot geschmiert,
es stammt ja aus der Salbentube,
mit der man die Natur kaschiert.

Wer würd sich nicht gern gehen lassen
frisch einfach von der Leber weg,
die Keule mit den Fingern fassen,
statt zu bekämpfen mit Besteck?

Stattdessen stehst du mit Krawatte
als fleischgewordener „Betreff“
an jedem Morgen auf der Matte
und machst dein Männchen vor dem Chef.

Die Hose faltenfrei gebügelt,
das Hemd manierlich zu geknöpft,
hast zivilisationsgezügelt
du dich im Stofflichen erschöpft.

Doch geht nicht geistig alles weiter
mit diesem biedren Maskenball,
damit auf der Karriereleiter
man reibungslos nach oben fall?

Ein bisschen Anstand kann nicht schaden,
das gebe ich natürlich zu,
man muss in Schlamm nicht grade baden,
damit man sich was Gutes tu.

Doch eine Uniform zu tragen,
das heißt den Standard im Büro,
scheint auch mir aus der Art zu schlagen:
Man wird zum Menschen comme il faut.

Man kümmert sich aufs Allerbeste
ums äußerliche Drum und Dran,
um eine blendend weiße Weste
und seinen Ruf als Saubermann.

Ja, grad die größten Massenschlächter,
dern Schäbigkeit zum Himmel stinkt,
warn meistens eifrige Verfechter
des Segens, den die Seife bringt.

Den Leuten gleich ins Herz zu schauen
uns mehr von ihnen offenbart,
als ob sie manchmal Nägel kauen
und sich was brabbeln in den Bart.

Doch nun genug der Weisheitslehre –
ganz frech und formlos: Ende. Aus.
Und was, wenn höflicher ich wäre?
Dann käm ein Epos dabei raus.

Nichts Neues

Nichts NeuesDer Abflug knapp, doch weich die Landung:
Zurück im Winterdomizil.
Und draußen noch die gleiche Brandung,
das immer gleiche Wellenspiel.

Das Kirchlein noch an Ort und Stelle,
die Glocken mit gewohnter Wucht.
Und auch der Hafen noch, die Quelle
von Fisch und andrer Meeresfrucht.

Die Nachbarn auf der andren Seite
sind fleißig immer noch in Gang:
Die Junge fegt in ganzer Breite
den Gehweg alle naselang.

Der Alte, wacklig auf den Beinen,
gibt weiterhin sich große Müh
und holt beharrlich für die Seinen
die frischen Brötchen in der Früh.

Im Supermarkt hier um die Ecke
fällt gleichfalls mir nichts Neues auf;
noch immer lockt die kleine Kecke
die Kunden zum Kosmetik-Kauf.

Und was lässt sich von jenen sagen,
die mir im Haus besonders nah?
Ich höre sie die Türen schlagen,
mit einem Wort, sie sind noch da.

Hat ihren Job die Zeit vergessen,
der ihr verbietet Ruh und Rast,
gedankenlos nur dagesessen
und ihren eignen Flug verpasst?

Sie hat dem örtlichen Ambiente
ja sichtlich nicht am Zeug geflickt
und ihre wandelnden Talente
in langem Müßiggang vertickt.

Nun, trotz gelegentlicher Schauer
bin heut zum Hafen ich geeilt
und sah, dass von der Molenmauer
ein Reiher still nach Fisch gepeilt.

Die galt mir immer als Domäne
der flatterhaften Möwenbrut –
bedeutet also diese Szene,
dass irgendwie sich doch was tut?

Gewiss. Doch lässt die Zeit uns warten.
Sie fällt nicht mit der Tür ins Haus.
Schier endlos mischt sie ihre Karten –
und spielt auf einmal Trümpfe aus!

Abgehoben wie immer

Gerade noch mal gutgegangen!
Wir kamen früh wie immer an –
indes am Airport solche Schlangen,
dass man es kaum beschreiben kann!

Der Koffer war zwar aufgegeben
ruckzuck und ohne Aufenthalt,
doch wie es manchmal spielt, das Leben,
das dicke Ende folgte bald.

Denn wo man mit penibler Strenge
nach Bomben und Granaten sucht,
da staute sich’s auf einer Länge,
als hätte man das Glück gebucht!

In Knäueln, Gruppen, Säulen, Massen
schob weiter sich der Menschenbrei,
rundum befummeln sich zu lassen,
ob er auch wirklich waffenfrei.

‘nen Zahnstocher man nicht mal hätte
hier heimlich durch den Check gekriegt,
weil bei der spitzen Silhouette
ein Missbrauch ja wohl naheliegt.

Da fällt’s nicht schwer, sich auszumalen,
dass ihren Preis die Sorgfalt hat,
den hier die Reisenden bezahlen
mit Wartezeit – und kein Rabatt!

Doch diese Münze war mir grade
in diesem Augenblick vakant,
drum bin ich an der Volksfassade
vorbei und bis nach vorn gerannt.

(Bin nicht mal selbst darauf verfallen,
mein guter Geist gab es mir ein,
der mich begleitet zu den Hallen,
um meines Starts gewiss zu sein.)

Hab da gefragt, ob man mir lasse
den Vortritt bitte ausnahmsweis,
da sonst ich meinen Flug verpasse
und lande auf dem Abstellgleis.

Man ließ mich in die Schlange schlüpfen
und nickte mir Verständnis zu,
ich aber („Gürtel schon aufknüpfen“)
stand glücklich vor der Checker-Crew.

Die mich, Verbotnem auf der Fährte,
betatschte, wandte und beroch
und dann den Durchgang mir gewährte.
Nur fliegen musste ich jetzt noch!

Drum hieß es, durch die Gänge hasten,
die endlos wie ein Wandertag,
um erst am richt’gen Gate zu rasten,
das, logo, ganz am Ende lag.

Als Letzten ließ man mich passieren,
dann machte man den Laden dicht.
Trotz allem: Keine Zeit verlieren,
der große Vogel wartet nicht!

Da saßen ja auch schon die Braven,
voll Ungeduld auf diesen Flug,
mit ihren Blicken mich zu strafen
für meinen schändlichen Verzug.

Ach, hätte ich doch für die Reise
‘nen Vordersitz mir ausgedacht,
dann hätte ich jetzt still und leise
mich reingezwängt und kleingemacht.

Stattdessen nun Spießrutenlaufen
auf diesem trüben Trampelpfad,
um bei der Pantry zu verschnaufen
zwei Meter vor dem Hinterrad.

So will uns wohl das Leben mahnen:
Was nützt uns selbst der klügste Schritt?
Bei allem, was wir tun und planen,
mischt auch der Zufall kräftig mit.

Bleibt damit nur noch zu ergänzen:
Erleichtert hockte ich mich hin.
Sonst weiter keine Turbulenzen.
Zum Glück, wenn ich ganz ehrlich bin.

Nachbarin Amsel

Da wo ich schlafe, in der Kammer
das Fenster auf den Garten zeigt,
in dem die Amsel und die Ammer
auch noch im Herbst zum Zwitschern neigt.

Dann hallt es sogar lauter wider
als in der schönen Sommerzeit,
weil nicht mehr dämpfen ihre Lieder
die Bäume mit dem Blätterkleid.

Nach rechts trennt eine hohe Hecke
mich von des Nachbarn Heim und Herd,
die allerdings zum Lärmschutzzwecke
nicht ein Ligusterblättchen wert.

Wenn abends ich den Raum betrete
noch vor dem Schlummer irgendwann,
erschallt wie Jerichos Trompete
der Laubenplausch von nebenan.

Dabei zwei männliche Organe,
die beide mehr zum Bass tendiern
und eher ruhig, wie im Trane,
gelegentlich ein Wort verliern.

Doch wie bedächtig und besonnen
es ihrem Mund sich auch entringt,
es scheint, dass aus dem dunklen Bronnen
bisweiln ein lust‘ges Quellchen springt.

Wie ließe sich denn sonst begreifen
der engelssüße Widerhall
auf diese tiefen Orgelpfeifen
in diesem oder jenem Fall?

Dann schüttet in den höchsten Tönen
ein Mädchen sich vor Lachen aus,
als wollte es die drei versöhnen
mit Muffeln aus dem Nebenhaus.

Das schießt ihr nur so aus der Seele,
so arglos wie der Amsel Lied,
dass aus der Kammer ich mich stehle,
als wäre ich der Störenfried.

Die letzte Ernte

Da seht der Erde Schätze schwinden,
selbst Luft und Wasser werden knapp,
und für ‘ne karge Ernte schinden
sich viele schon vergeblich ab!

Der Grund dafür ist nicht verborgen:
Es ist des Menschen stete Gier,
sich üppiger noch zu versorgen
als für den Schlaf ein Murmeltier.

Doch füllt man seine Speisekammer
nicht nur aus Not bis oben an,
es liegt ja darin grad der Jammer,
dass vieles sie entbehren kann.

Reichen denn nicht nur wen’ge Sachen
von grober, aber guter Art,
um einen Magen satt zu machen,
der sich Genügsamkeit bewahrt?

Des Tages Appetit zu stillen,
die Kost man nicht nach Kilos wieg,
und um ‘ne Thüringer zu grillen,
braucht’s nicht ‘ne halbe Wurstfabrik!

Kassandrarufe in der Wüste!
Wer immer schon am Braten roch,
wie dass der freudig nicht begrüßte
die Haxe von ‘nem Kirmeskoch!

In diesen Überfluss geboren,
der ständig neue Wünsche weckt,
verschließt der Schlemmer seine Ohren
der Warnung, die ihm bitter schmeckt.

Was soll er denn noch überlegen?
Er lässt sich blind vom Bauch regiern
und ohne Angst vor Schicksalsschlägen
die Parzen seine Stullen schmiern.

Dass um ihn her das Elend lauert
in jedem Winkel dieser Welt,
er glaubt es nicht und erst erschauert,
wenn’s seinen Nachbarn schon befällt.

Dann schimpft er plötzlich auf das Leben,
das launisch, böse, ungerecht;
„gern käm ich, dir was abzugeben,
doch geht’s mir, Nachbar, selber schlecht“.

Den überlässt er seinem Lose
und frisst sich selbst an Klößen fett,
ein Heuchler, der die Butterdose
zur Not im Safe verschlossen hätt.

Das Ganze typisch für die Massen,
dern Glaube sie zu Mitleid zwingt,
doch die gewohnt, ihn anzupassen
dem Reibach, den er ihnen bringt.

Man wird die Erde also plündern,
bis auch der letzte Halm geknickt
und aus den abgezehrten Mündern
der Hunger seine Seufzer schickt.

Dann hat genug nur noch zu mähen
der Schnitter, der von Fleisch entblößt.
Der Satte wird um Gnade flehen,
der Schmachtende vom Leid erlöst.

Horrortrip

Längst ist der Globus überladen
mit seiner bunten Völkerfracht,
die sich schon alle fünf Dekaden
verdoppelt auf die Reise macht.

Und dennoch Tag für Tag ihm steigen
die Leute zu in großer Zahl,
die nicht einmal ihr Ticket zeigen,
denn Schwarzfahrn ist darauf legal.

Drum wird die Achse ihm nicht brechen,
wie schwer auch dieser Zuwachs wiegt;
es fehlt ihm allerdings an Flächen,
dass jeder auch ein Plätzchen kriegt.

Man wird sich auf die Füße treten,
je dichter man zusammenrückt,
und mit den Fäusten sich bekneten,
wenn’s auf die Hühneraugen drückt.

Es wird indes noch schlimmer kommen,
ist man erst derart eingezwängt,
dass jede Nase wie benommen
am Atemhauch des Nachbarn hängt.

Dann wird der Typ selbst explodieren,
der niemals aus dem Ruder lief,
um augenblicklich zu vertieren
zur Bestie, die in ihm nur schlief.

Dann wird im Jähzorn man zerstören
das Hindernis aus Fleisch und Bein
und hoch und heilig darauf schwören,
(aus Notwehr nur!) im Recht zu sein.

Dann mag dir bloß das Trittbrett dienen
für deine ungewisse Fahrt:
Man stößt brutal dich auf die Schienen,
dass du auf Schotter aufgebahrt.

Ja, in dem ganzen großen Wagen,
der wie mit Viechern vollgestopft,
geht man so roh sich an den Kragen,
dass rot es von Wänden tropft.

Und ist man erst so schön in Gange,
dann gibt es auch kein Halten mehr,
man haut und sticht und schießt so lange,
bis alle Magazine leer.

Zum ersten und zum einz’gen Male
verwischt der Völker Unterschied:
Gemeinsam bleicht im Jammertale
man nach dem Menschheitssuizid.

Der Globus aber rumpelt weiter,
die Polster noch von Blut bekleckst,
und braucht nicht mal ‘nen Zugbegleiter,
weil bald schon Gras darüber wächst.

Wachstumsschäden

Die Wurstelei, sie nimmt kein Ende,
steht auch das Wasser schon zum Hals.
Und brav im Schoße ruhn die Hände –
bei unsren „Machern“ jedenfalls.

Allüberall brennt schon die Hütte,
nimmt das Desaster seinen Lauf,
doch legen eher noch ‘ne Schütte
an Kohln die „Brandbekämpfer“ drauf.

Durchaus im übertragnen Sinne,
denn „Kohle“ heizt die Wirtschaft an,
und ohne Aussicht auf Gewinne
noch keiner ein Projekt begann.

Derweil sich weiterhin vermehren
die Menschen wie im Sauseschritt
und von der Erde Früchte zehren,
die halten nicht das Tempo mit.

Der Mangel aber wird grassieren,
der stets die gleichen Blüten treibt:
Die Preise steigen, explodieren,
bis Brot man auf Rezept verschreibt.

Gekämpft wird nur mit halbem Herzen,
es sei denn kurz vor einer Wahl,
denn schließlich will man’s nicht verscherzen
mit unserm Platzhirsch „Kapital“.

Der lässt in seinem Schatten äsen,
wenn sie beim Fressen ihn nicht störn,
auch andre artverwandte Wesen,
sofern sie nach dem Maul ihm röhrn.

Selbst mit dem Untergang vor Augen
besiegt die Gier noch die Vernunft –
da solln als Umweltgärtner taugen
die Böcke der Ministerzunft?

Die will‘s mit niemandem verderben,
scheut offne Worte wie die Pest
und lieber ihren Ämter-Erben
die ganzen Schulden hinterlässt.

Was für ‘ne miese Perspektive –
das dicke Ende scheint gewiss!
Der Fortschrittsglaube, der naive,
als größtes Rettungshindernis!

Doch hämmre das in einen Brägen,
der ganz von der Idee durchtränkt,
dass unser aller Heil und Segen
allein am Wirtschaftswachstum hängt!

So wär hier weiter nichts zu lösen,
als wie man einen Kreis quadriert.
Kein Wunder, dass die Brüder dösen –
schon Thales hat man nicht kapiert!

Zweierlei Maß

Die Gleichheit, die die Guillotine
in und mit Köpfen propagiert,
war eine nur dem Hirn entliehne,
die in der Wirklichkeit falliert.

Hat Könige und Bettelleute
sie auch egal vom Haupt befreit,
war’s doch so lange schon vor heute
und war auch nur für kurze Zeit.

Die Herrn und Damen, die zu’n bessern
sich stets, wer weiß warum, gezählt,
sie konnten die Idee verwässern,
bis an Noblesse es ihr gefehlt.

Und wieder gilt die alte Regel
„Quod licet Jovi…“, na, ihr wisst:
Den Streich von einem großen Flegel
man nicht an dem von Göttern misst.

Den ganz normalen Teufelsbraten
nimmt bald der Galgen in die Pflicht,
doch für der Letztren Missetaten
gibt es kein Hals- und Hochgericht.

Und da die ird’schen Majestäten
von Göttern glauben sich bestallt,
wolln sie in deren Stapfen treten
mit Willkür auch und mit Gewalt.

Ja, wie die höchsten Delinquenten
man dennoch weiterhin verehrt,
so sind auch schurkische Regenten
dem Pöbel aller Ehren wert.

Und hätten sie auch Dreck am Stecken,
dass förmlich es zum Himmel stinkt,
solange fremdes Blut sie lecken,
man ihnen Hosianna singt.

Zumal moralische Bedenken
als Mauerblümchen vegetiern
in den Rankünen und den Ränken,
die ganze Länder praktiziern.

Wollt ihr noch schnell das Beispiel hören,
das grad ich in die Finger krieg
und bestens kann heraufbeschwören
das Schmierenstück der Politik?

Zwei Oberhäupter großer Staaten.
Konflikt. Kontakt. Korrespondenz.
Ganoven beide. Autokraten.
Und tituliern sich „Exzellenz“.

Das diskrete Haus

Ein rundes Haus mit tausend Zimmern,
das bodenlos im Raume schwebt;
darüber sieht man Sterne schimmern,
sofern man nicht im Keller lebt.

Die Mieter in den zig Etagen
sind meist sich völlig unbekannt;
wer reist mit Fahrstuhl-Equipagen,
reist gleichsam in ein fernes Land.

Selbst auf den langen Nachbarfluren
bleibt in der Regel man sich fremd,
man sichtet hier und da wohl Spuren,
doch ohne dass man sie durchkämmt.

Gepfercht in irgendeine Ecke
in diesem wackeligen Bau,
beglotzt man seine Zimmerdecke
und meint, dass man den Himmel schau.

Die Augen abgewandt, die Ohren,
und fühllos wie ein Automat,
geht jede, jeder traumverloren
den ausgelatschten Trampelpfad.

Und wär doch manches zu erlauschen
vom Keller aufwärts bis zum Dach,
was klarer als ein dumpfes Rauschen
und Nuscheln im Charakterfach.

Oft klingt es noch nach ganzen Sätzen,
solang Beherrschung überwiegt,
doch die zerfalln zu wirren Fetzen,
wenn wer sich in die Haare kriegt.

Mal auch ein Klatschen oder Kreischen,
dann kommt es schon zur Tätlichkeit,
im schlimmsten Falle gar Zerfleischen,
wenn Hass nach Blutvergießen schreit.

Auch Schüsse werden manchmal fallen
in irgend’nem Ganovennest,
die aber so verstohlen knallen
wie Winde, die man fahren lässt.

Wie oft hört man auch Kinder weinen,
weil Trost und Liebe ihnen fehlt,
weil, wie verstockte Große meinen,
nur Härte sie fürs Leben stählt.

Man scheut indes, sich einzumischen:
Man brächt nur Unrat an den Tag
und müsste von der Brille wischen
den schönen rosa Farbbelag.

Und kriegt man selber nicht am Ende
noch irgendwelche Schererein?
Wozu hat schließlich man die Wände,
wenn nicht, um ganz für sich zu sein?

Solln anderswo sich die Chaoten
die Fresse ruhig doch poliern –
von denen lasse ich die Pfoten,
denn heißt nicht wagen auch verliern?

Gemütlich fläz ich meine Beine
über das Sofatischchen hin
und komme mit der Welt ins Reine,
wenn ich im Fernsehbilde bin.

Denn jeden Abend zu begaffen
das Elend ich der Erde pfleg –
das kann kein Autounfall schaffen,
da stehn die Retter meist im Weg!