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Unsere Preiszeit

Unsere PreiszeitEs ließ sich leider nicht vermeiden,
ich musste noch mal runter heut,
um die Regale zu beweiden,
wo Lebensmittel ausgestreut.

Des Fortschritts wesentlicher Träger
scheint mir der Supermarkt zu sein,
seitdem als Sammler wir und Jäger
die Beute selber brachten ein.

Jetzt liegt gehäuft an Ort und Stelle,
was man an Nahrung täglich braucht;
man jagt nicht Mammut und Gazelle
und ist weit weniger geschlaucht.

Auch rennt man nicht mehr Stund um Stunde,
bevor der Spieß sich endlich dreht.
Am meisten opfert noch der Kunde
an Zeit, der in der Schlange steht.

Doch auch dies nützliche Verfahren,
es hat natürlich seinen Preis:
Berappen muss man für die Waren,
und immer mehr, wie jeder weiß.

Und mancher muss da schließlich passen,
der seinen Brotkorb höher hängt.
Das Nötigste nur für die Massen,
der Rest fürn Klüngel, der sie lenkt!

Vielleicht war das mit Selberjagen
im Grunde doch ganz sinnvoll schon –
denn im Glazial, würd ich mal sagen,
sprach noch kein Schwein von Inflation!

Gebäudemanager

GebäudemanagerMan kann ihn nirgendwo entbehren,
denn er sitzt überall am Quell
der Dinge, die im Haus zu klären
mit Basiswissen: der Pedell.

Ein Werkzeug breitester Funktionen
(es gibt sich meist durch Klingeln kund)
schafft Zugang ihm zu allen Zonen,
in denen’s brennt: der Schlüsselbund.

Da ist ein Nagel einzuschlagen,
da brannte wer ‘n Loch in’n Filz,
da blüht (mir wendet sich der Magen)
auf feuchtem Grund der Mauerpilz.

Sein Sesam öffnet ihm die Tore,
die ihn in alle Räume führn,
wo jeder Winkel, jede Pore
den Kennerblick des Meisters spürn.

Ja, wo es Mängel gibt zu melden,
ist unser guter Geist nicht fern.
Zwar hat er nichts von einem Helden –
das glaubt er aber, meine Herrn!

Mit einem Ausdruck grauer Würde
er durch die Flure sich bewegt,
als hätt des Atlas ganze Bürde
man auf die Schultern ihm gelegt.

Nicht schwierig, ihn mir vorzustellen
im Hades selbst als Führungskraft.
Was würd er Schäden da erhellen –
bis er die Hölle abgeschafft!

Lange Tradition

Lange TraditionUnd wisst ihr noch, was die Propheten
so oft in Harnisch einst gebracht?
Die Reichen waren’s, die Moneten,
die sie auf krumme Art gemacht!

Wie wüteten mit Feuerzungen
sie gegen diese Höllenbrut,
die sich mit Strick und Schwert erzwungen
des armen Schluckers Hab und Gut!

Und da sich ihre Tische bogen
unter der feinsten Speisen Last,
verschmachtend die als Bettler zogen,
dern letzten Heller sie verprasst!

Und statt den Witwen und den Waisen
das nöt’ge Scherflein zu gewährn,
sie mit Verachtung abzuspeisen,
um sie den Hungertod zu lehrn!

„Das wird euch das Genick noch brechen!“ –
so Michas und Jesajas Fluch.
„Der HERR wird seine Schäfchen rächen,
führt über eure Gräuel Buch!“

Dies Bibelwort vom harten Reichen
ist zwei Jahrtausende schon alt –
doch, ach, wie sich die Zeiten gleichen:
Es lässt auch heute uns nicht kalt!

Noch immer gibt’s ‘ne Handvoll Prasser,
die schöpfen aus ‘nem goldnen Pott.
Dem Volke gräbt man ab das Wasser.
Und die Regierung schwört auf Gott!

Millimeterarbeit

MillimeterarbeitZwei Stufen musst du nur erklimmen,
dann stehst du oben, goldbehängt;
doch bis dahin heißt’s trimmen, trimmen –
den Sieg, den kriegst du nicht geschenkt.

Denn nur da auf dem höchsten Treppchen
zollt man dir Ehre und Respekt –
auch mit Champagner, Schlemmerhäppchen
und Fotos für TV Direkt.

Wie einsam bist du schon als Zweiter,
auch wenn nur Zentimeter fehln
zur Spitzensprosse dieser Leiter –
doch diese wenigen, die zähln!

Extreme wolln die Menschen sehen,
verwöhnt von andrer Leute Schweiß.
Auf Risiken, die sie nicht gehen,
auf die sind sie besonders heiß.

Und grade die, die vegetieren
ereignislos in ihrem Kaff,
allein Rekorde akzeptieren
und Leistung, über die man baff.

Und so durchzieht in allen Dingen
die Konkurrenz des Lebens Frist,
so dass man meint, es müsst misslingen,
wenn man nicht stets der Erste ist.

Da seht das alte Steinzeiterbe,
wie’s heute nistet noch im Hirn –
als Mythos, ach, vom Wettbewerbe
beherrscht es selbst die Denkerstirn!

Was ist denn dran an diesen Possen?
Man schuftet sich die Hucke krumm,
und eh man ‘s Leben noch genossen,
dann ist’s, ade!, schon wieder rum.

Und tröstet’s, wenn ich Wunden lecke,
die nie und nimmer mehr verheiln,
bracht auch den Gegner ich zur Strecke,
so dass wir einen Tod uns teiln?

Und überhaupt: Ein Loblied singen
auf den, „der nach den Sternen fasst“?
Pah, jeder Frosch kann höher springen,
und jeder Käfer trägt mehr Last!

Karneval der Tiere

Karneval der TiereDas macht gewiss die Sommerhitze:
Im Traum sah ich ‘nen irren Zug,
‘ne Königin an seiner Spitze,
die eine goldne Krone trug.

Ihr nach das fröhliche Gepränge
von Hofstaat und Nobilität.
Das Ganze zog sich in die Länge,
dass ich das Ende kaum erspäht.

Wie eine schillernd schöne Schlange
sich windend ihres Weges zieht,
war diese Prozession in Gange,
doch schweigend, ohne Laut und Lied.

Ich meinte Fürsten zu erblicken,
die schritten in den ersten Reihn
mit Zobel, Hermelin und Flicken
von Purpur auf dem Wämselein.

Dann kamen sichtlich die Prälaten,
Gemisch aus Rot und Violett,
mit ihren seidnen Unikaten
nach dem sakralen Etikett.

Und all die andern von Geblüte,
die nicht von Sterblichen gesäugt,
das ganze Aufgebot der Hüte,
vor denen man den Nacken beugt.

Dahinter, eskortiert von Knappen,
die ganze edle Ritterschaft
mit ihren Schwertern, Lanzen, Wappen,
gerüstet mit des Panzers Kraft.

Und dann die Burschen, Zofen, Pagen,
genauso prächtig ausstaffiert
mit buntgewürfelten Kledagen,
von kindlichem Geschmack diktiert.

Es folgten schließlich, schwer mit Ketten
behängt das pelzige Ornat,
die großen Tiere aus den Städten,
die Handelsherrn mit Sitz im Rat.

Und diese ganze stumme Rotte,
das fiel im Traume selbst mir auf,
bewegte sich in leichtem Trotte,
doch ohne Pferd, in eignem Lauf.

Indem sie ihre dünnen Füße
(ich weiß nicht, waren’s mehr als zwei?),
als ob man eine Sünde büße,
geknickt hielt und verrenkt dabei.

Doch wie ich mich dem Bilde nahte,
zerriss es und ich wurde wach.
Ameisen warn’s in vollem Staate –
ja, das erinnre ich noch schwach.

Mag das ein anderer verstehen;
die Biester waren nie mein Fall –
indes possierlich anzusehen,
so menschlich da beim Karneval.

Ausnahmeerscheinung II

AusnahmeerscheinungSo’n Graf ist wirklich zu bewundern –
was der für Präferenzen hat!
So nährt sich unsereins von Flundern,
indes er sich von Hummer satt.

Ganz anders auch sein Trinkverhalten
als das der Menge, stammbaumfrei –
er schlürft Champagner, frischen, kalten,
und jene lauen Hopfenbrei.

Und was dabei auch für Manieren!
Die Eleganz in Reinkultur!
Der musste Knigge nicht studieren,
der lebt ihn live rund um die Uhr.

Und dann die Plünnen auf dem Leibe,
nur feinstes Tuch, ihm angepasst,
nichts von der Stange, dass es bleibe,
bis es die Plautze nicht mehr fasst.

Verrät nicht auch den reinsten Adel
der Klunkerzierrat da und hier –
die goldene Krawattennadel,
Manschettenknöpfe aus Saphir?

Dazu als ambulantes Möbel
der Stock mit Knauf von Elfenbein!
So’n Wanderstab fiel uns als Pöbel
nicht mal fürn Garten Eden ein.

In jeder Hinsicht zu beneiden,
teilt wenig mit dem Volk er nur –
nur dieses Altern, Sterben, Leiden,
nur dies Vulgäre der Natur!

Wohnobjekte

WohnobjekteMan braucht doch irgendeine Höhle,
wo nachts man seine Füße reckt
und auch, dass man vom Hals sich gröle
das Los, das einem bitter schmeckt.

Der Fuchs im Wald hat so ‘ne Bude,
der Hase eine, wen’ger groß,
ein bisschen derb, ein bisschen krude,
doch immerhin auch kostenlos.

Der Mensch, gewohnt sich auszunützen
in der ihm eigenen Manier,
er baut mit steinern starken Stützen
dem Nächsten ein Betonquartier.

Und für die kalten, kahlen Wände,
vom Zauber des Zements umweht,
kralln gierige Vermieterhände
sich so viel Zins, wie’s irgend geht.

Dafür dass man mit Arsch und Kragen
nicht kläglich in der Gosse liegt,
muss seinen halben Lohn man tragen
zu einem, der’s im Schlafe kriegt.

Und dass so viel es zu berappen
für diese Kasematten gilt,
muss sie der Staat geschickt verknappen
als der Besitzer Schirm und Schild.

Dann machen Nägel wir mit Köpfen
und hausen preiswert in ‘nem Stall.
Doch ach, selbst da wird man uns schröpfen –
denn das „Prinzip“ gilt überall!

Ahnenforschung

AhnenforschungAm Anfang waren da die Quallen,
nicht mehr als Wasser und als Haut,
doch ihnen hat es gut gefallen,
so hat man eben ausgeschaut.

Und so genügsam auch die Schwämme,
die blieben am Geburtsort gar,
aus Furcht vielleicht, dass in die Klemme
sie sonst wo kämen und Gefahr.

Dann tauchten die auf, die in Schale
sich warfen gegen Feindesbiss,
die Muscheln, Krebse tief im Tale
der maritimen Finsternis.

Danach die sich mit vielen Gräten
im Innern festen Halt verschafft
und die in jeden Winkel spähten
vermöge ihrer Flossenkraft.

Nun, manches will ich übergehen,
damit ich kurz mich fassen kann;
am Schluss indes die Säuger stehen
und wir als Homo obenan.

Eins aus dem anderen entsprungen
nach festen Regeln der Natur,
und alles Leben so verschlungen
in einem einz’gen Stammbaum nur.

Wie weit auch seine Zweige reichen,
wie üppig er ins Kraut auch schoss –
für Kön’ge, Fürsten und dergleichen
entwickelte er keinen Spross.

 

Bei der Fachgenealogie zitiert

Kleine Modifizierung

Kleine ModifizierungEs sollte immer gültig bleiben,
von Juvenal, dies biss’ge Wort –
unmöglich sei es, nicht zu schreiben
Satiren nur in einem fort.

Doch wenn es wirklich das nur wäre!
Wenn wenigstens man högen könnt!
Wenn uns die Welt als einz’ge Zähre
nur die aus Jux entstandne gönnt’!

Nein, diese größre Flut der Tränen
der Lust, zu spotten, nicht entquillt;
sie stammt aus seelischen Migränen,
die kein befrei’ndes Lachen stillt.

Das ganze Elend, das zum Kotzen!
Der Katalog der Barbarei!
Gemetzel, das wir täglich glotzen
und knabbern Salzgebäck dabei!

Gewalt in allen Varianten,
aus Dummheit, Egoismus, Hass –
die Gründe stets die altbekannten,
und bodenlos wie je das Fass.

Und dies ist nur die eine Seite
der Münze, die am meisten gilt;
die andre zeigt in ganzer Breite
des Hochmuts und der Lüge Bild.

Weit eher, ach, noch als Satiren
verfasste man ein Trauerspiel:
Nach Glück die Menschen alle gieren –
zerreißend sich für dieses Ziel.

Rhythmusstörung

RhythmusstörungGewiss ist er nicht angeboren
und nichts, was die Natur uns riet:
der Rhythmus, der uns an den Ohren
frühmontags aus den Kissen zieht.

Der Mensch hat selber ihn erfunden
und ihn als Gottes Werk verkauft,
damit nach fünf, sechs Klopperrunden
zur siebten, Sonntag, er verschnauft.

Wie schnell geht so ein Wochenende
mit seinen Freuden doch vorbei
und regt man wieder fleiß’ge Hände,
wo immer man auch tätig sei!

Da horcht nur, diese Abendstille!
Man sammelt sich, bereitet brav
sich vor auf morgen mit der Pille
des Fernsehns für gesunden Schlaf.

Man weiß ja, wenn der Wecker bimmelt,
geht die Stampede wieder los
und dass es auf den Straßen wimmelt
vom edlen Schlachtvieh der Büros.

Doch unter uns: Ich hab gut reden –
gehör nicht mehr zur Arbeitswelt
und zappel nicht mehr an den Fäden,
an denen mich ‘ne Klitsche hält.

Wenn andre aus dem Bett sich quälen,
bleib träg ich noch im Pfühle drin –
doch während sie die Tage zählen,
fliehn mir die Wochen nur so hin!