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Halb zog sie ihn

Dass sich die Menschen unterscheiden,
das hab ich auch schon mitgekriegt.
‘ne Menge davon mag ich leiden,
‘ne andere mir nicht so liegt.

Ich will euch mal ein bisschen quizzen
nach denen, die ich gerne mag!
Na, glaubt ihr es denn schon zu wissen?
Genau – die von dem stillen Schlag.

Die nicht so viele Worte machen.
Die sagen, was zu sagen ist.
Die lieber schweigen, statt mit flachen
Sentenzen zu erhöhn den Mist.

Doch Wunsch und Wille sind zwei Dinge,
die man nicht einfach steuern kann –
man tappt dem Zufall in die Schlinge,
das heißt, dem Falschen irgendwann.

Du hebst dich morgens aus dem Bette,
erklärter Feind des Redeschwalls,
und hast statt Ruhms wie eine Klette
das reinste Plappermaul am Hals!

Und bla und bläh, die Wortkaskaden,
sie prasseln dir so um die Ohrn,
dass eins, zwei, drei den roten Faden
der frohen Botschaft du verlorn.

Ja, selbst das höllische Getöse,
mit dem der Wasserfall uns schreckt,
hat unsre biedere Souffleuse
zu toppen sich zum Ziel gesteckt.

Verkümmert ihre sanften Töne,
fortissimo aus voller Brust:
Solln alle hören, wie ich dröhne
im Überschwang der Lebenslust!

So hock mit ihr an manchen Tagen
ich, in mein Pokerface gehüllt,
doch mit ‘ner Menge Mulm im Magen,
wenn jäh sie nach dem Kellner brüllt.

Dann rutscht das Herz mir in die Hose,
ich wünschte weg mich meilenweit,
da jene in Walküren-Pose
noch einmal nach Bedienung schreit.

Ihr sagt so leicht: Dann schieß die Alte
doch kurz entschlossen auf den Mond!
Ach, wärn da nicht die Sachverhalte,
dass man sie lieber doch verschont.

Auf diesem und auf jenem Felde
hat sie als nützlich sich bewährt,
so dass ich ehrlich hiermit melde:
Die Gute ist nicht ganz verkehrt.

Es ist ihr Herz, das sprengt die Kehle
gelegentlich mit Donnerhall –
ein Fleckchen nur auf ihrer Seele,
die lauter wie ein Wasserfall.

Schmutziges Geschäft

Wie fern dem Lyriker sie liegen,
die Wörter, die vulgär man nennt –
doch kann er auch das Kotzen kriegen,
wenn ihm was untern Nägeln brennt!

Man stell sich vor in diesem Falle
(ein Beispiel unter vielen nur),
der Staat erklärt als Pillepalle
den Chemo-Krieg mit der Natur!

Erinnert euch, was schon als Kinder
ihr in der Schule eingepaukt:
Der Tier- und auch der Umweltschinder
ist eine Type, die nichts taugt.

Drum gilt der Gans, vom Fuchs „gestohlen“,
dass er sich weidlich von ihr nähr,
ein Mitleid bis zum „Jäger holen“
mit seinem Piff-Paff-Schießgewehr.

Und auch: Am Weg nicht Blumen rupfen,
lasst Raute und Kamille stehn,
sie helfen gegen Schmerz und Schnupfen
und sind so prächtig anzusehn!

Vor allem aber: Leib und Leben
der Menschen sind das höchste Gut,
das wir bei jeglichem Bestreben
zu schützen haben – absolut.

Den Lütten kann man es noch sagen,
sie glauben ja den Großen blind,
bis einmal selbst zu hinterfragen
die Dinge sie imstande sind.

Dann werden sie sehr schnell schon merken,
was hinter solchen Sprüchen steckt,
wie sie bei allen frommen Werken
die Heuchelei sich ausgeheckt.

Bei Weitem liegen an der Spitze
nebst unsern Pfaffen, „Gott befohln!“,
Politiker, die ihre Sitze
sich gern mit solchem Streusand holn.

Der aber meist so fein gemahlen,
dass ihn die Augen gar nicht spürn
und bei den nächsten Hirtenwahlen
die Schafe ihre Schlächter kürn.

Und diese Dummheit macht sie dreister
noch in dem schmutzigen Metier,
dass sie agiern als Herrn und Meister
nach Gusto über Wohl und Weh.

Die öffentlich sie gern vertreten,
Prinzipien von hohem Sinn,
sind ihnen eher ungebeten
nach dem geglückten Machtgewinn.

Dann mögen sie sich gar erfrechen,
sich zu entlarven vor der Welt
und alle Schranken zu durchbrechen,
die selbst sie einmal aufgestellt.

Vernunft und Fakten abgeschaltet,
gibt nur der Wille noch Befehl,
wie seinen Einfluss man entfaltet
für die Partei plus Klientel.

Und während sie „Gemeinwohl!“ brüllen
und „Umwelt vorneweg!“,
gestatten üppig zu vergüllen
die Felder sie mit Rinderdreck.

Und noch eins drauf: Die Schafsvertreter
befragen ihren Hütehund –
der knurrt, dass jeder Unkrautjäter
sich einmal reißt die Finger wund.

Ein Fall für die Chemiegiganten:
Ein Mittelchen noch toppt den Mist,
das nur peniblen Kaffeetanten
nicht blitzeblank geheuer ist.

Es sei nicht, faseln sie, erwiesen,
dass es total bedenkenlos –
und folgen so den Expertisen
von ein paar Wichtigtuern bloß!“

Doch hat die Vorsicht nicht geboten
gerade auf polit’schem Feld,
Gefahren erst mal auszuloten,
eh man sich blindlings ihnen stellt?

Das muss doch wohl auch anders gehen,
entscheidet der Parteityrann:
Solln sie das Zeug doch weiter säen,
bis man das Gift beweisen kann!

Erst muss das Kind in’n Brunnen fallen:
Und sind die Schäden offenbar,
ist der Empörteste von allen
er, der „schon immer skeptisch war“.

Er selber fühle sich betrogen,
so lamentiert er sich heraus –
nicht wahr, doch auch brillant gelogen;
und so was zählt im Hohen Haus.

Ja, aus der ganzen fiesen Nummer
schlägt er noch kräftig Kapital:
Zeigt werbewirksam seinen Kummer
beim Pflichtbesuch im Krankensaal.

Gewissensbisse? Fehlanzeige.
Die Macht bewahrn um jeden Preis –
dies Motto spielt die erste Geige
wie sonst auch im Kollegenkreis.

Nur dass die nicht die Pauke hauen –
die Flöte blasen sie diskret;
wobei, in Hameln nachzuschauen,
auch alles übern Deister geht.

Keine Rentenlüge

Wie lustig ist das Rentnerleben,
wenn’s nur den rechten Platz erhascht
und statt am Apfelbaum zu kleben,
des Südens süße Früchte nascht.

Ich muss mich gar nicht viel bewegen,
und schon ist dieses Bild real –
zehn Schritte hinterm Haus gelegen:
das nächste kleine Strandlokal!

Was, Strand? Heißt das in Meeresnähe
mit garantierter Abendglut? –
Ja, da sich strecken, heißt die Zehe
taucht wirklich beinah in die Flut.

An der auch ein paar Büsche lecken –
zwar hemmend nicht den Blick zur Bucht,
doch mit dem Wall, den sie bedecken,
ein Bollwerk gegen ihre Wucht.

Aus deren dunkelgrünem Grunde
noch immer feurig sich erhebt
Hibiskus, der die Dämmerstunde
mit stillem Fackelschein belebt.

Im Schulterschluss an seiner Seite
ein Strauch, der schon zu schlafen schien:
Längst seine Blüten er verschneite,
die weißen, duftend – Nachtjasmin.

So könnte schier man satt sich sehen
an diesem Zipfel der Natur,
würd sich der Kellner nicht verstehen
auf Früchte aus der Meeresflur.

Er brachte Steinbutt auf dem Teller,
zwei handbreitgroße Stück Filet,
fast fangfrisch aus dem Vorratskeller
am rauen Fuß der Küstensee.

Die unverzüglich Gnade fanden
vorm Auge, das ja mit uns isst,
und eh sie noch am Gaumen landen,
die Güte des Geschmacks bemisst.

Der Anblick hielt, was er versprochen,
und seinen Ruf als Speisefisch
der Butt, der nunmehr seit Epochen
ein gern gesehner Gast am Tisch.

Gesellschaft, die in höchstem Grade
willkommen unserm müß’gen Freund,
der Tag für Tag hier am Gestade
nach seltenen Genüssen streunt.

Der Einkauf selbst, den wir zu Hause
nur widerwillig absolviern,
weil öd der Weg von unsrer Klause
und Regen geht uns an die Niern,

Der ist hier von ganz andrer Güte:
Man schlurft am Strand ein hübsches Stück,
packt seinen Käse in die Tüte
und schlurft im Sonnenschein zurück.

Na ja, was soll ich noch erzählen?
Die Weisheit hat ja schon so’n Bart
für euch, die ihr, euch fortzustehlen
vom Job, schon selbst im Süden wart!

Im Allgemeinen zwei, drei Wochen,
fürs nächste Mal gespart den Rest –
wogegen mich ununterbrochen
hier die Pension jetzt wohnen lässt.

Genügend Zeit, um zu genießen,
was so ein Kurztrip unterbricht.
Doch ließ ich auch die Zügel schießen,
zum bunten Hund würd ich hier nicht.

In diesen segensreichen Breiten
ist ja der Vögel Sammelplatz:
Zuhauf sie unter Palmen schreiten –
beschwingt von ihrem Rentensatz!

Falscher Glanz

Geh bis zum Hals in Sack und Asche,
zerknirscht ich und im Büßerkleid,
wenn, Scheidemünzen in der Tasche,
ich einmal übern Jordan schreit?

Nie hab auf gutem Fuß gestanden
mit Pluto ich, dem Geber-Gott,
des Pfoten immer Nieten fanden,
griff er für mich in seinen Pott.

Woher die Knete also kriegen,
um mir Paläste zu erbaun,
die, so unnahbar wie verschwiegen,
geschützt von ‘nem Elektrozaun?

Nicht einmal für ‘ne Nummer kleiner,
‘ne Villa reichte mein Salär,
damit zumindest etwas feiner
als Hinz und Kunz behaust ich wär.

Ja, selbst ein Häuschen wo im Grünen,
‘ne hübsche Hecke ringsherum,
versagte sich dem Wunsch, dem kühnen,
weil – nun, ich sagte schon, warum.

Zur Miete musst ich also wohnen
in einem Stadt-Etagenhaus,
ein Malepartus für Millionen
knapp oberhalb des Plattenbaus.

Und ähnlich ist es auch gelaufen
bei jedem anderen Bedarf –
wenn es mir einfiel, was zu kaufen,
dann kalkulieren erst mal scharf!

Mein Leben einmal überschlagen –
nichts, was gewöhnlich Eindruck macht,
so dass die Leute von mir sagen:
Der Bursche hat’s zu was gebracht!

Doch wenn man nur mit goldner Elle
des Schicksals weite Spanne misst,
wo bleiben dann die tausend Fälle,
für die sie zu gediegen ist?

Sind denn nicht auch des Geistes Gaben
der Achtung und der Ehren wert,
wenn etwa sie poetisch traben
auf Pegasus, dem Musenpferd?

Das wird wohl niemand mir verneinen –
doch mit dem Vorbehalt zumeist:
Wenn auch in Münzen und in Scheinen
der Gaul als trächtig sich erweist.

Da bin ich in den Arsch gekniffen –
kein Schwein wird heut von Lyrik satt,
da man nach anderen Begriffen
sein Weltbild sich gezimmert hat.

Im Pantheon der Geistheroen
ist somit auch kein Plätzchen frei,
und für den Eintritt hab, den hohen,
ich den Nobelpreis nicht dabei.

Wird man denn wenigstens mir danken,
dass redlich ich, gesetzestreu,
und ohne nur einmal zu wanken
seit je die krummen Wege scheu?

Ach, Hoffnung eines alten Narren,
der gegen Mühlenflügel ficht!
Die heut nur so vor Reichtum starren
fragt man nach weißer Weste nicht!

Scheint mir ein Brauch, der nachgeblieben
noch aus der Kirche Tyrannei –
das Erbe, sterbend ihr verschrieben,
sprach jeden Schuft von Sünde frei.

Geld, Ehre, Macht, am besten alle,
vereint in einer einz’gen Hand,
schon ziehst du in die Ruhmeshalle
der Größten ein im Vaterland.

Das ist (verschließt euch, Gaußsche Ohren!)
‘ne Größe, die nicht variiert –
sie hängt an diesen drei Faktoren
so wie mit Tischlerleim fixiert.

Vor dieser Trias mich verbeugen?
Da seh ich nichts als Eitelkeit,
gewalt’ge Blasen zu erzeugen,
die platzen mit der Lebenszeit.

Kein Mensch kann übern Schatten springen,
den die Natur ihm angehängt.
Ich freue mich, mein Lied zu singen –
dem Vogel gleich, der Grillen fängt.

Gut gelaufen

Ich hab das große Los gezogen.
Europa ist mein Vaterland.
Auf dieser Erde Waag‘ gewogen
des Wohlergehens Unterpfand.

Von seiner Fülle stets zu zehren,
das Schicksal gnädig mir beschied,
solange meine Jahre währen
vom Wiegen- bis zum Klagelied.

Der Krieg war eben erst zu Ende,
als ich auf festen Füßen stand
und die zerschossnen Häuserwände
mehr seltsam als bedrohlich fand.

Die Kinderseele, voll Vertrauen,
dass da nichts Böses hintersteckt,
sie ahnte wohl schon, dass mit Bauen
Ruinen man zum Leben weckt.

Und während in den weitren Jahren
sie wuchs zugleich mit der Statur,
vermochte stets sie zu gewahren
den Fortschritt unsrer Baukultur.

Geschlossen bald, verheilt die Wunden,
geschlagen noch vor ihrer Zeit,
und Land und Leut, so wüst geschunden,
im Schauraum der Vergangenheit.

Ob bar gekauft, ob abzuzahlen:
Ein Kühlschrank wurde angeschafft
und, beste Bohnen sich zu mahlen,
‘ne Mühle mit Elektro-Kraft.

Schon diente auch die Waschmaschine
der Hausfrau als Erleichterung
und schenkte Schlüpfer und Gardine
die Sauberkeit mit Trommelschwung.

Die Kneipenglotze, meist zum Zwecke
der kollektiven Fußballschau,
sie füllte bald die Zimmerecke
des Bürgers mit bewegtem Grau.

Und dann, der Gipfel der Begierde
bei diesem Tanz ums Goldne Kalb,
ein Auto als Laternenzierde,
geteilt mit Oma halb und halb.

Die Produktion auf vollen Touren,
man brauchte dringend jeden Mann.
In langen Arbeitsämterfluren
traf kaum man eine Seele an.

Na ja, den Rest könnt ihr euch denken.
Es blieb nicht immer so perfekt,
und wenn wir mal auf heute schwenken,
ist manches schauderhaft direkt.

Indes in diesem ew’gen Frieden
den Schulabschluss ich mir ersaß,
der sich mit Goten und Gepiden
noch lang in meine Träume fraß.

Der Lohn der Angst im Klassenzimmer,
speziell im Hals der Mathe-Kloß:
Zu guter Letzt ein Platz für immer
in der Behörde sichrem Schoß.

Zum Krösus kann man’s da nicht bringen,
beim Fiskus jeder Heller zählt,
doch an den wirklich nöt’gen Dingen
hat’s mir zumindest nicht gefehlt.

Gesättigt also und zufrieden
hab ich den Dienst schon längst quittiert
und hock als Rentner noch hienieden,
bis mich der Schnitter liquidiert.

Ein Leben auf der Sonnenseite.
Und falls ihr nach den Gründen grabt:
Europa, Asien, jede Breite –
der pure Zufall. Schwein gehabt!

Der Sonne nach

Auf einen Wetterumschwung hoffen?
Auf etwas Sonne, lang entbehrt?
Ach, eher sind wir abgesoffen,
als dass uns mal ein Hoch beschert!

Dem Sommer war nicht anzumerken,
dass er des Jahres heiße Braut,
er prunkte mit virilen Werken,
die nur dem Herbst man zugetraut.

Der hat das Ruder übernommen
und diesen wind’gen Kurs behält,
auf dem bisweilen nur verschwommen
die Sonne aus den Wolken fällt.

Da galt’s, ‘ne Arche sich zu suchen,
um dieser Trübsal zu entfliehn,
und einen Touri-Trip zu buchen
mit besten Wettergarantien.

Ich habe Helios angerufen,
dass er als Fachmann sich erklärt –
der meint, dass ohne Schlittenkufen
man immer gut in Spanien fährt.

Denn er höchstselbst in diesen Landen
auch gern im Winter noch verweilt
und, da genug davon vorhanden,
die Wärme mit den Leuten teilt.

Mit diesem göttlichen Orakel
begab ich mich getrost auf Fahrt –
jetzt wussten wir, wo ein Debakel
mit Frost und Hagel uns erspart.

So kam man an die „Sonnenküste“
(bis Málaga ein Katzensprung),
wo ich zum Bleiben mich nun rüste
in ewig heitrer Witterung.

Drei Tage sind derweil verstrichen,
seit uns der Flieger ausgespuckt,
in denen es zu sommerlichen
Vergnügen uns sofort gejuckt.

Zunächst ein Essen um die Ecke
im anspruchslosen Strandlokal,
dass gleich ich auf der Zunge schmecke
die Landeskost zum ersten Mal.

Vorzüglich, hm!, die frischen Sachen,
die jüngst erst aus dem Meer gefischt
und für gefräß’ge Nordmann-Rachen
gleich haufenweise aufgetischt.

Da galt es, sich zu konzentrieren
ganz auf den zu beladnen Bauch
und kau’nd das Auge zu verlieren
fürn Seeblick mit Hibiskus-Strauch.

Am zweiten Tage ausgeflogen
nach Osten an der Küste lang,
wo uns ein Städtchen angezogen,
das hoch sich auf ‘nen Felsen schwang.

Gekrönt von Mauern und von Zinnen,
die noch ein Sultan einst gebaut,
von wo mit seinen Sultaninnen
im Sommer er aufs Meer geschaut.

Tag drei auf kurvenreicher Strecke
hinauf ins höhre Hinterland
bis zu dem malerischen Flecke,
der uns von früher schon bekannt.

Vom Parkplatz dann noch ein paar Schritte
‘ne Steigung hoch von zig Prozent,
schon warn wir in des Dorfes Mitte,
wo gegen man die Kirche rennt.

Doch statt nach pappigen Oblaten,
die frömmelnd man zerkauen muss,
stand uns als echten Satansbraten
der Sinn nach fleischlichem Genuss.

Wir mussten uns nur niederhocken,
wo man auf Tapas sich versteht.
Im Kirchturm nebenan die Glocken
ersetzten uns das Tischgebet.

Und nun? Die gute Fee verschwunden,
die liebevoll mich hergebracht,
dass in den tausend künft’gen Stunden
die Einsamkeit mir bange macht!

Na, na, mein Freund, nicht gleich verzagen,
geht doch erst los mit dem Pläsier –
ein blaues Band von Sonnentagen
schlingt heiter sich ums Leben hier.

Im Winde sich die Palmen wiegen
und endlos sich am Ufer reihn,
in deren Nestern Kinder kriegen
die selbst noch grünen Papagein.

Dem stillen Meer nicht anzumerken
die Energie, die’s aufgestaut,
wenn’s mit den höchsten Seepferdstärken
dem Firmament entgegenblaut.

Tavernen, gleichsam aufgefädelt
wie Perlen auf dem Rosenkranz,
dass seinen Gaumen man veredelt
mit Zunge und mit Hummerschwanz.

Die Götterkost und das Gefilde,
das Berg und Meer perfekt vereint,
bewirken, dass auf manchem Schilde
der Name „Paradies“ erscheint.

Wie diesem Urteil sich nicht beugen?
Was gibt es, das man mehr begehrt?
Allein schon täglich Sonne säugen
ist dieses Lobs vollkommen wert.

Dann in der vierten Nacht ein Rauschen,
das Regen mich erahnen ließ.
Sollt meinen Traum ich deshalb tauschen?
Auch Wasser braucht’s im Paradies.

Die dümmste Masche

Ob sie das wirklich rausgefunden,
wohl eher in den Sternen steht –
doch bieten ihren Fernsehkunden
die Sender Super-Qualität.

Was immer sie auch präsentieren
in Dokus jeglicher Couleur,
es ähnelt einem Grand mit vieren,
Kreuz Bube, Pik und Karo, Cœur.

Kein Wunder, dass zu Bergen grade
es ihre Teams zum Filmen zieht,
in deren zackiger Fassade
man schön die Gipfel übersieht.

Man muss nicht lange überlegen,
um wen die Luft am dünnsten weht,
man weiß nach wen’gen Wimpernschlägen:
Der ist’s, und da wird auch gedreht.

Kaum macht man’s mal ‘ne Nummer kleiner,
schon schüttelt sich der Intendant –
denn werden erst die Themen feiner,
geht’s Michel über den Verstand.

Viel besser ist es, ihn zu füttern
mit Super- und mit Elativ,
um seine Seele zu erschüttern,
die nichts sonst aus dem Schlummer rief.

Und wie bei Bergen, so bei Flüssen:
Wer schenkt ‘nem Winzling seine Zeit?
Man wird den längsten zeigen müssen,
europa-, deutschland-, erdenweit.

Will einen Wagen man beschreiben,
nimmt man nicht irgendeinen nur –
den mit den dicksten Panzerscheiben,
mit dem sogar der Papst schon fuhr!

Die allerschönste Frau auf Erden –
dem Anblick widersteht kein Mann;
nur schnell Miss Universum werden,
schon klopft der Sender bei dir an.

Er rät die auch in puncto Reisen,
wenn dich die Wanderlust befällt,
und wird dir seine Liste preisen
mit den erstaunlichsten der Welt.

Auch Tiere sind nicht ausgeschlossen
von diesem elitären Spiel –
sei’s wegen größter Rückenflossen,
sei’s als das klügste Krokodil.

Soll Pflanzen man damit verschonen?
Mehr Unterschiede gibt’s ja kaum!
Was ist ein Wald von Anemonen
gegen den höchsten Mammutbaum?

Und schließlich die Millionen Bauten,
von Menschenhand geformt aus Stein?
Für diese schlichten, altvertrauten
erwärmt sich heute doch kein Schwein.

Nur wenn sie samt Antennenspitze
sich bohren bis ins Himmelblau,
reißt es Herrn Meier noch vom Sitze,
selbst schnarchend vor der “Tagesschau”.

Der Freund von Pils und Jägerschnitzel,
der weidlich Krimis konsumiert,
braucht einfach einen Nervenkitzel,
dass er die Kucklust nicht verliert.

Und folgerichtig sich vermehren
gleich einem blühenden Ekzem
die Themen, die wie Krimis zehren
auf ihre Weise vom Extrem.

Da geht die ganze Ehrfurcht flöten
vor dieser Schöpfung aus dem Licht –
statt vieler Quappen gelten Kröten
als einz’ge Münze von Gewicht.

Der Schöpfung bunte Kreationen
sind alle von so einz’ger Art,
dass unsre Gier nach Sensationen
die ganzen Wunder nicht gewahrt.

Und die Natur selbst ist bescheiden
und tut mit ihrer Kunst nicht groß –
den Löwenzahn nährt auf den Weiden
sie wie den Leu im Wüstenschoß.

Kunst im Haus

Längst war mir diese leere Stelle
an meiner hohen Stubenwand
ein Dorn im Auge, eine Quelle
des Grübelns für den Kunstverstand.

Da muss was hin, so der Gedanke,
der öfter mir ans Schienbein trat –
doch wenn an irgendwas ich kranke,
dann am Entschluss zur raschen Tat.

Reicht es, ein Poster hinzupappen
auf den papiernen Untergrund
mit einem saubren Leinenlappen
wie’n Puder auf den Po, der wund?

Nein, sollte doch solider werden:
ein Druck von ein’ger Qualität,
um nicht den Leumund zu gefährden,
der mit den Pixeln fällt und steht.

Doch dieser Tage, stark beflügelt
von Lilchen, meinem guten Geist,
hab ich nicht mehr nur rumgeklügelt,
sondern gezeigt, was handeln heißt.

Urplötzlich war‘n Motiv gefunden
aus allen, die mir lange lieb,
das wie ein Doktor seinem Kunden
ich meiner bleichen Wand verschrieb.

Ich will’s ein bisschen spannend machen
und mit der Tür ins Haus nicht falln,
vielleicht den Ehrgeiz auch entfachen,
die Sache von allein zu schnalln.

Kein Drama, keine Leidenschaften,
dass ächzend sich die Leinwand biegt –
nur stilles An-der-Scholle-Haften,
die reglos in der Sonne liegt.

Vom Vordergrund führt eine Schneise
gemütlich weiter in die Flur,
mit Kohl bepflanzt nach alter Weise
in Reih und Glied wie an der Schnur.

Und Büsche rechts und links begrenzen
den Blick auf dieses Stückchen Land,
in dessen Mitte golden glänzen
die Ähren hoch am Wegesrand.

Ein Acker, Raum und Zeit enthoben
als eines Sommertags Symbol,
und selbst die Haufenwolken droben
fahrn harmlos nur ins Blaue wohl.

Genug, den Meister zu erraten,
der hier sein Stühlchen aufgeklappt
und mitten unter blühnden Saaten
die Luft des „freien Lichts“ geschnappt?

Nein? Dann ringt weiter nicht die Hände.
Zur nächsten Strophe übergeht,
wo schließlich noch zum guten Ende
des Bilderrätsels Lösung steht.

Kornfeld bei Argenteuil der Titel.
Entstanden 1-8-7-3.
Ein völlig neues Kunstkapitel.
Alfred Sisley hiermit dabei.

Das gewisse Etwas

Der Mensch, er mag zur Masse neigen
und gern mit ihr im Gleichschritt gehn,
doch will sich auch als einzig zeigen,
im Mischmasch nicht zu übersehn.

Da hat, ich nenn’s die Körpermode,
sich manchen Blickfang ausgedacht,
da nach bewährter Balzmethode
das Äußre größten Eindruck macht.

Ein alter Hut: Die Löwenmähne,
wie von den Hippies man sie kennt.
Denn in Europas Musenszene
trägt sie seit je der Dirigent.

Doch weit entfernt von Kunst die Kahlen,
die frei zur Glatze sich bekannt –
sie tragen unter nackten Schalen
Gedankengut, das hirnverbrannt.

Was aber treibt die Irokesen
zu ihrer Hahnenkammfrisur?
Als Kind zu viel Karl May gelesen.
Als Jugendliche Punker pur.

Die bürgerlichen Angestellten,
Verkäufer meist, besonders smart,
bemühen sich, noch mehr zu gelten
mit bläulichem Dreitagebart.

Der Clip, den sie am Ohr getragen,
der Kundschaft wohl verdächtig war,
drum lassen über Schlips und Kragen
sie spärlich sprießen nun ihr Haar.

So ist das Kettchen auch verschwunden,
das einst sich um den Nacken schlang,
weil man als lächerlich empfunden
den goldig-goldnen Brustbehang.

Die Kunst, sich Bilder einzupressen
untilgbar in die eigne Haut,
hat, stets auf Rarität versessen,
Jan Maat der Südsee abgeschaut.

Vorzeiten. Und an seinem Leibe
nur lag die Technik aufbewahrt,
dass in sein Dasein sie sich schreibe
als Körpernachweis Großer Fahrt.

Doch unsres Seemanns Signaturen,
oft als vulgär nur angesehn,
Beachtung neuerdings erfuhren,
dieweil unter die Haut sie gehn.

Da sah man plötzlich Dämme brechen,
ihr Eindruck war so unerhört,
dass jetzt zur Füllung aller Flächen
der Hirsch gar überm Hintern röhrt.

Es gibt wohl keine Körperstelle,
die ganz tabu für diesen Stich –
die sichtbaren auf alle Fälle
und die intimen, was weiß ich?

War einst das Herz der Spitzenreiter,
durchbohrt von Amors Liebespfeil,
spannt heute man die Themen weiter –
vom Blümchen bis zum Hackebeil.

Und oft kommt auch die Schrift zu Ehren,
ein Spruch, zu dem man sich bekennt,
als ob die Muskeln Wappen wären,
wo stolz man Ross und Reiter nennt.

Beliebt zurzeit auch jene Zeichen,
mit denen man in China schreibt,
die, weil exotisch ohnegleichen,
man sich zur Zierde einverleibt.

Was sie im Einzelnen bedeuten
(ich habe oft danach gefragt),
gilt Schall und Rauch bei diesen Leuten,
die nicht von Wissensdurst geplagt.

Man will sich einfach unterscheiden
(Reprise, siehe Eingangszeiln!)
und nicht das Schicksal derer leiden,
die namenlos auf Erden weiln.

Doch muss der Schuss in‘n Ofen gehen,
nimmt dieser Tick noch weiter zu –
schon jetzt kann man Millionen sehen,
die einzigartig per Tattoo!

Konkurrenzkampf

Ein Brauch, in Hellas einst geboren,
doch mittlerweile unbegrenzt:
Man holt im Wettkampf sich die Sporen,
mit denen man ein Leben glänzt.

Denn Typen, die so hurtig rennen,
dass man nur ihren Hintern sieht,
kann man mit Recht wohl Götter nennen,
unsterblich durchs Bewegungsglied.

Das gilt auch für die Schultermuskeln,
mit denen man ‘ne Kugel schmeißt:
Die fliegt zum Sieg. Und in Majuskeln
den Stoßer man auf Stelen preist.

Beim Boxen just so wie beim Ringen,
beim Lanzenwerfen, einerlei:
Man muss den Gegner nur bezwingen,
egal, wie knapp der Sieg auch sei.

Du warst mit deinem Fuß im Ziele
‘ne Handbreit vor des Gegners Zeh?
Das reicht im Sinne dieser Spiele
fürn Ehrenplatz im Elysee.

Du warst mit deiner Schleuderscheibe
demselben einen Tick voraus?
Schon sucht dein Ruhm sich eine Bleibe
in Zeus‘ erhabnem Gästehaus.

Du warst mit deinen Faust-Attacken
um einen einz’gen Treffer vorn?
Die Himmelspforte wirst du knacken
im Schweinsgalopp mit Englisch Horn!

Bezeichnend für den Geist der Wesen,
die auf der Erde vegetiern –
sie machen nicht viel Federlesen
mit denen, die kaum differiern.

Das mag im Sport noch „sportlich“ gehen,
ansonsten aber oft fatal:
Man liebt’s, den Schwächeren zu schmähen,
und leider nicht nur rein verbal.

Der Erste wird als Held gefeiert
mit Blasmusik und Kaisermarsch –
der Zweite ist schon angemeiert
und fühlt sich wie der letzte Arsch.

Allein Dabeisein gilt als Ehre,
nicht, dass man auch Furore macht?
Dies Motto, wenn’s doch Wahrheit wäre!,
hat wohl ein Träumer aufgebracht.

Die Wirklichkeit in allen Lagen,
in die das Leben einen bringt,
heißt sich so tapfer durchzuschlagen,
dass man den Sieg! Sieg! Sieg! erringt.

Und unsre flotten Ökonomen,
die sich auf Wert und Preis verstehn,
entdeckten in den Chromosomen
auch noch das Maximierungs-Gen!

Mit kleinstem Aufgebot an Kräften
zum allergrößten Resultat –
so hat bei allen Geldgeschäften
den besten Maßstab man parat!

Der Mensch verblasst zum Kostenfaktor
in diesem eisigen Kalkül
und teilt mit Stromtarif und Traktor
sich des Inverstors Wertgefühl.

Der aber pocht auf dessen Stärken,
weil er von ihnen profitiert –
indes die Massen nicht mal merken,
dass sie zum Werkzeug degradiert.

Sie hasten blindlings einfach weiter
auf der umkämpften Aschenbahn.
Ein jeder seines Glückes Streiter –
voll Dampf. Voll Neid. Voll inhuman.