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Allgemeine Beschleunigung

Man geht noch immer gern spazieren
und wandert still durch Wald und Flur,
am Anblick sich zu freun, dem schieren,
der halb natürlichen Natur.

Doch scheinen wen’ger die zu werden,
die fröhlich ihre Stiefel schnürn,
um diesem Paradies auf Erden
auf Schusters Rappen nachzuspürn.

Dafür sieht man ins Kraut geschossen
die Typen, die nicht gern verweiln
und, wenn auch nicht auf hohen Rossen,
im Trabe durch die Büsche eiln.

Sie tragen weite Jogginghosen
und Botten, die man Sneaker nennt,
weil’s unter Veilchen und Mimosen
sich so doch am bequemsten rennt.

Desgleichen ältere Semester
im weiten Auslauf des Gehegs,
die da schon mal als Krückstock-Tester
mit Nordic Walking unterwegs.

Doch sind dies alles müde Schreiter
mit eingeschränktem Vorwärtsdrang,
verglichen mit dem Teufelsreiter
auf seinem Mountainbike-Mustang!

Der pest so durch die krummen Pfade,
als ob er gar nichts davon wüsst,
dass schon die kleinste Eskapade
ihn aus dem Sattel hauen müsst.

Um seinen coolsten Kick zu kriegen,
sind Stock und Stein ihm grade recht
und tückisch-unverhoffte Biegen,
an die man nicht im Traume dächt.

Ihm gleichen flüchtig die Touristen,
die auch den Abwärtstrend verspürn,
doch lieber auf verschneiten Pisten,
die sacht sie in die Täler führn.

Die wedeln mit beschwingten Hüften
im Bogen einen Hang hinab
und machen zwischen Klamm und Klüften
meist pünktlich vor der Hütte schlapp.

Vollenden da die rasche Reise
durch der Botanik Defilee
auf ihre wissbegier’ge Weise
mit Enzian und Jagertee.

Marschiert mit Rucksack auf dem Buckel
am Bach, am rauschenden, noch wer
geduldig über tausend Huckel
und Stolpersteine kreuz und quer?

Und jodelt seine Lust zu leben
begeistert über viele Meiln,
dass ihm die Berge Antwort geben
und offen seine Freude teiln?

Der Bach hat Besseres zu bieten
als sein romantisches Gerinn –
man kann sich auch ein Kanu mieten
und schießt auf seiner Flut dahin!

So kommt in Wirbeln und in Wellen
man rascher als im Gehen fort
und treibt in seinen tück’schen Schnellen
den quirligen, den Wassersport.

Wird‘s an der Küste anders laufen?
Liegt man da faul am Strand herum,
tritt tapfer in die Wattwurmhaufen
und macht für Muschelschaln sich krumm?

Nein, mit dem Wandel der Gezeiten
verändert sich auch hier die Welt
und kommt zum Surfen und zum Kiten
der Kurgast heut, der auf sich hält.

Die Wunder der Natur zu schauen
mit stillem, andachtsvollem Schritt,
in allen Gegenden und Gauen
ist das nicht mehr der große Hit.

Zumindest im verwöhnten Norden,
wo man nicht kämpft ums täglich Brot,
ist zu ‘nem Spielplatz sie geworden
fürn Fall, dass Langeweile droht.

Da kommt so’n Stiesel angebrettert
und macht ein Gänseblümchen platt
und merkt nicht mal, dass er zerschmettert
ein Kunstwerk der Natur er hat.

Ich fahr nicht so ‘nen heißen Reifen,
mir reicht die alte Schneckenspur.
Wenn Freunde mich zum „Dom“ mal schleifen,
dann niemals für ‘ne wilde Tour.

Lass andre in den Lüften kreischen
im Lustrausch sich die Kehle wund –
ich bleib, um Knacker zu zerfleischen,
am Würstchenstand auf sichrem Grund.

Der Fehlerteufel

Ihn hab ich auch noch auf der Pfanne,
den Bruder Leichtfuß im Büro –
ein Könner an der Kaffeekanne,
doch bei der Arbeit nur soso.

Dabei von seinen Qualitäten
so unbeirrbar überzeugt
wie weiland Jerichos Trompeten,
dass sich die Mauer ihnen beugt.

Er hat ein Faltblatt in der Mache
und pusselt fleißig an dem Text?
Für ihn nur ‘ne Minutensache,
im Nu ist der dahingekleckst.

Schon hält er dir unter die Nase,
was ausgebrütet sein Gehirn,
und wischt mit schelmischer Emphase
fiktiven Schweiß sich von der Stirn.

Doch möcht im Boden man versinken
vor diesem windigen Pamphlet;
da wimmelt es nur so von Kinken,
dass es auf keine Kuhhaut geht.

Der Rotstift muss sein Bestes geben,
um aufzubaun die Trümmerstatt,
die nach dem orthograf’schen Beben
kaum ‘ne Kolumne heil noch hat.

Auch übern Stil wär was zu sagen:
Der ist so prickelnd und pikant
wie Baldrian auf Schwartenmagen,
wie Fencheltee im Kaltzustand.

Doch rühmt der Autor sich der Schnelle,
mit der er Sätze fabriziert,
und merkt nicht, wie die Geisteshelle
sich mit der Flüchtigkeit verliert.

Er hat ja auch nichts auszubaden
von seiner krausen Kleisterei,
denn abzuwenden größren Schaden,
gibt man nur korrigiert sie frei.

Doch müsst aus Fehlern er nicht lernen,
wie recht er schreib und wen’ger seicht?
Sein Ego, ach, weilt unter Sternen,
wo guter Rat es nicht erreicht!

Im Gegenteil: Kriegt er zu fassen
‘nen Text, der schon beim Drucker liegt,
kann er es absolut nicht lassen,
dass er ihn noch mal überfliegt.

Und glaubt noch Mängel zu entdecken,
die still er aus dem Wege schafft –
nur um zum Leben zu erwecken
die Ur-Version, die grauenhaft!

Das heißt, er war nicht einzufangen
und stets für welchen Unsinn gut
so wie ‘ne Horde wilder Rangen
in ihrem blinden Übermut.

Und tat’s in gutem Glauben immer,
denn jede Bosheit lag ihm fern –
doch war (wovon er keinen Schimmer)
der Fehlerteufel vor dem Herrn!

Chefsache

Ist euch das schon mal vorgekommen:
Ihr werkelt still im Aktenmuff,
da stürmt (habt’s Klopfen nicht vernommen)
auf einmal jemand ins Kabuff?

Ja? Aber dass dann auch der Gute,
der euch beim Schaffen überfällt,
‘ne veritable Wünschelrute
am ausgestreckten Hebel hält?

Und latscht damit von einer Ecke
zur anderen, wobei er kuckt,
ob’s ihm auf dieser Wanderstrecke
nicht plötzlich in den Pfoten juckt?

Nun, wenigstens vom Hörensagen
war der Kollege mir bekannt,
dass ich sein seltsames Betragen
nicht ganz so überraschend fand.

Er stand auf der Beamtenleiter
schon hoch im oberen Geschoss
und hätte zwei, drei Schritte weiter
es noch gebracht zum Oberboss.

Doch dann hat es ‘nen Knacks gegeben,
der folgenreich: Karriereknick.
Sein Geist wurd schwer und schien zu kleben
wie Klompen im Gezeitenschlick.

Und jäh war nicht mehr dran zu denken,
dass er das große Los erwisch –
er rutschte von den Ehrenbänken
fast runter bis zum Katzentisch.

War nix mehr mit „Abteilung leiten“;
er kriegte einen vorgesetzt,
den er in seinen bessren Zeiten
gewiss doch in der Luft zerfetzt.

Jetzt hieß es kleine Brötchen backen,
Handlangerdienste nur versehn
und statt Meriten einzusacken,
den andern auf die Nerven gehn.

Nun wollte er sich niederlassen
gleich in der Bude nebenan
und mit der Rute erst erfassen,
ob unterwärts ein Bächlein rann.

Ich griff geschäftig gleich zur Strippe
und wünscht ihm flüchtig „Guten Tag!“
und dass mit seiner Wasser-Wippe
er nicht bei mir noch Wurzeln schlag.

Es ließ sich dennoch nicht vermeiden,
dass ich ihn traf von Zeit zu Zeit
und kein fingiertes Augenleiden
von der Begegnung mich befreit.

Ich musste mit ihm Worte wechseln,
die jeglichen Gehalts so bar,
als würde man das Stroh noch häckseln,
das lange schon gedroschen war.

Doch er sprach mit Prophetenfeuer
im Rederausche des Blablas,
dass immer wen’ger mir geheuer
der amtlich mir am nächsten saß.

Er hatt es grade mit Mikroben,
sofern in Bauten sie gedeihn –
ein Stoff, sich daran auszutoben
akribisch bis Sankt Nimmerlein.

Ich durfte aber noch erleben
das fert’ge Buch plus zweitem Band –
gedruckt indes, o eitel Streben!,
es gleich im Magazin verschwand.

Ein Tiefpunkt, den zu überwinden
erfolglos mancher sich bemüht,
da er im Eifer, seinem blinden,
von neuen Grillen schon geglüht.

Doch jäh hat sich das Blatt gewendet;
wieso, das ist mir schleierhaft –
als hätt der Heil’ge Geist gesendet
ihm gnädig neue Schaffenskraft.

Statt weiter ihm was aufzubürden,
was vom Ergebnis her egal,
beförderte in Amt und Würden
man ihn wie anno dazumal.

Und dafür gab’s wohl gute Gründe
auch ohne Himmelsprotektion,
denn der Gewinn der alten Pfründe
war ohnehin ein Wunder schon.

Sollt für ‘nen Job er plötzlich taugen,
den man ihm einmal aberkannt? –
Ich hab ihn lebhaft noch vor Augen,
wie kopflos er durchs Haus gerannt,

Den Wünschelstab in alle Ecken,
die er dazu verdächtig fand,
mit rüder Neugier reinzustecken
als Fühler für den Wasserstand!

Doch was erst dunkel mochte scheinen,
es war mir bald schon sonnenklar:
Ein Amt steht fest auf tausend Beinen –
der Wasserkopf ist austauschbar!

Perfekter Abgang

Nicht jedem hat’s der Herr gegeben,
dass er mit ungebrochner Kraft
sein anspruchsvolles Arbeitsleben
vom Lehrling bis zum Rentner schafft.

So mancher, der als Geistesrecke
in Topform auf die Piste ging,
erwies sich schon auf halber Strecke
als ausgemachter Kümmerling.

Bei andern zeigt sich dieser Makel
erst kurz vor dem ersehnten Ziel –
ein eher flüchtiges Spektakel,
Befund auch hier indes: debil.

Da hatt ich also ‘nen Kollegen,
dem gern man Texte anvertraut,
bis unbekannter Gründe wegen
mental er plötzlich abgebaut.

Doch weil er einst Talent besessen
und manchen klugen Satz ersann,
ließ man das Gnadenbrot ihn fressen
wie’n Gaul, der nicht mehr ackern kann.

Man gab ihm hier und da ‘ne Sache,
die seinen Grips nicht überstieg,
dass er als alter Fuchs vom Fache
nicht auf der Bärenhaut nur lieg.

Damit kam er denn auch zurande
bis hin zum leidlichen Produkt,
und eh man’s schickte in die Lande
hat wer noch einmal draufgekuckt.

So weit, so gut. Indes der Faden,
der ungern die Geduld nur flieht,
nimmt irgendwann doch einmal Schaden,
wenn man zu heftig daran zieht.

Und da man ihm die Rechte reichte,
nahm er die Linke gleich dazu –
erbat sich nur das Kinderleichte,
die Kinken aber für die Crew.

So ist es zum Eklat gekommen.
Er wälzte einen Auftrag ab.
Der Chef ihn sich zur Brust genommen:
Der ging an dich, nun komm in Trab!

Der Gute aber schlich nach Hause
und meldete sich sterbenskrank.
Und erst nach langer Sendepause
ein Lebenszeichen, Gott sei Dank.

Er schickte, „endlich nun genesen“,
die blabla besten Grüße her.
„Kollege, der er einst gewesen,
jetzt frisch gebackner Pensionär“.

Geborgte Macht

Als „Tippse“ sie herabzusetzen,
beweist nicht Wissen noch Humor:
Die Sekretärin ist zu schätzen,
zumal wenn noch ein „Chef“ davor.

Denn dann kommt zu den Schreibarbeiten,
für die sie ein’gen Grips schon braucht,
die Pflicht noch, einen Typ zu leiten,
der andre gern zusammenstaucht.

Da wär das Wesen ‘ner Mimose
nicht ausgesprochen vorteilhaft –
viel eher eines, das der Hose
von Frauen noch mehr Geltung schafft.

Sie muss ja auch vom Halse halten
manch unerwünschten Störenfried
dem Boss, der seine Kummerfalten
nur ungern noch verdoppelt sieht.

Mit diesen Tugenden gerüstet
kann es gelegentlich passiern,
dass es nach Höh’rem sie gelüstet,
will heißen selber mitregiern.

Fängt klein an in der Kaffeeküche,
die öfter spähend sie durchstreift
und Abwaschmuffeln böse Sprüche
ins schwärzliche Gewissen keift.

Geht weiter über die Termine,
die argusäugig sie bewacht
und, dass es ihrem Ego diene,
gelegentlich nach Gusto macht.

Als Nächstes streckt sie ihre Fänge
in jeden Fachbereich im Haus,
beklagt, man käm nicht in die Gänge,
und bittet sich mehr Eile aus.

Dann wagt sie sich am Telefone
selbst an Abteilungsleiter ran,
bescheidet sie in rüdem Tone:
Erledigung bis dann und dann!

Auch sonst das reinste Boss-Gebaren,
des Alten weibliche Kopie.
Ihr ständ’ger Zahnbelag von Haaren
bis hin zur Bürste schon gedieh.

Gab irgendeiner der Kollegen
ihr deshalb umso eher nach?
Man kam ihr nirgendwo entgegen
und zwinkernd von der „Chefin“ sprach!

So wäre es wohl fortgegangen,
hätt man den Chef nicht pensioniert
und ihren Arm, den leidlich langen,
zum Tippen wieder reduziert.

Der Neue war pikanterweise
auch einer, den sie angeblafft.
Der schickte gleich sie auf die Reise
und hat sie sich vom Hals geschafft.

Belobte ihr in aller Schnelle
den schönen Job- und Lebenslauf
und drückte sie der Kostenstelle
‘ner andern Amtsfiliale auf.

Ob sie da weiter barsch und böse
Kollegen an den Karren fuhr?
Null Chance, dass ich das Rätsel löse –
so rasch verlor sich ihre Spur.

Vermessung von Erbsen

Er war nicht grade groß zu nennen,
was ja im Grunde nichts besagt,
indes uns hilft, um zu erkennen,
dass andre gern er überragt.

Am liebsten gab den Vorgesetzten
er wöchentlich im Sitzungssaal,
wo den Kollegen, den „geschätzten“,
er sich als neunmalklug empfahl.

Dabei will ich nicht unterstellen,
dass er nur dummes Zeug geschwätzt,
doch sicher hat in vielen Fällen
er seine Wirkung überschätzt.

Natürlich war er selbst der Letzte,
dem Kritisches zu Ohren kam,
und während er „Akzente setzte“,
fand ihn die Mehrheit eher lahm.

Das mochte zwar für vieles gelten,
doch nicht für sein Naturtalent –
im heil’gen Hain Apolls zu zelten
als erster Schriftgut-Rezensent.

O was für Fehler er gefunden –
ein Spürhund war nichts gegen ihn!
Er ließ sich jedes Komma munden,
das ihm nicht recht zu schmecken schien.

Auch schätzte er als Leckerbissen,
wenn Groß und Klein wer bös vermischt –
das hat mit sauberem Gewissen
demselben er dann aufgetischt.

Ja, seinen ems’gen Späherblicken
entging nicht mal der weiße Fleck,
vergaß dem Satz man anzuflicken
des Punkts finalen Fliegendreck.

Jetzt greif ich tief mal in die Kiste,
aus der der Staub der Bildung weht:
Ich seh ihn unten auf der Liste,
wo Zoilus ganz oben steht!

Ein Kritikaster erster Güte,
der alles gnadenlos verriss,
dass selbst im friedlichsten Gemüte
er einst erregte Ärgernis.

Drum nahm er auch ein schlimmes Ende
(im Altertum) von Henkershand.
Ein Glückskind schöner Zeitenwende,
traf unsren nur der Ruhestand.

Ein Danaergeschenk

Allmählich geht der Spaß zu Ende.
Die Erde hat die Nase voll.
Schon ringt sie überall die Hände
in ihrem kaum verhohlnen Groll.

Und führt auch stärkere Geschütze
vermehrt in dies und das Gefecht –
hier Sturm in die Matrosenmütze,
da Hagel fürs Agrargeschlecht.

Das Eis der Pole lässt sie schmelzen,
der Gletscher, ebenfalls erhitzt,
dass sich in Meer und Flüsse wälzen
die Fluten, die sie ausgeschwitzt.

Hier schickt sie Dürre in die Lande,
dass Frucht und Vieh zugrunde gehn,
da lässt sie mit gewalt’gem Brande
der Wälder rote Hähne krähn.

Auch mit den Stößen ihrer Lenden
erwehrt sie gern sich ihrer Haut,
um Kampfsignale auszusenden
an diese Brut, die sie bebaut.

Die allerdings, der Schöpfung Krone
und Hirt „auf göttliches Geheiß“,
die int’ressiert sich nicht die Bohne
für ihren irren Seinsverschleiß.

Seit ihren ersten Kindertagen,
als noch gekrabbelt der Verstand,
empfahl man ihr ja nachzujagen
dem Geld als Lebensglücksgarant.

Und so geprägt von selbst Geprägten
vererbte sie den Tinnef fort,
dass niemals Zweifel sich ihr regten
an diesem goldnen Leistungssport.

Damit auch blind für die Gebrechen,
die sie dem Globus auferlegt,
wird dieser selbst sich doppelt rächen
für jede Wunde, die sie schlägt.

Das schöne Gleichgewicht der Kräfte,
Millionen Jahre Feinarbeit,
es wurd ein Opfer der Geschäfte,
mit denen sie nach Mammon schreit.

Der den versprengten Homo-Horden
als mächt’ge Waffe einst sich bot,
der Geist ist längst zum Fluch geworden,
der seine eigne Art bedroht.

Wer will, mag das für Zufall halten,
für menschliches Versagen auch.
Doch scheint mir, dass da Kräfte walten
nicht einfach aus dem hohlen Bauch.

Liegt es, mal ehrlich, denn im Sinne
‘ner Welt, die aus der Vielfalt lebt,
dass ein Geschöpf die Macht gewinne
und alles aus den Angeln hebt?

Um diesen Schnitzer zu beheben,
hat die Natur nicht große Not –
sie muss dem Geist nur Nahrung geben,
dann frisst er sich von selber tot.

Die Qual der Wahl

Wie schön es ist, nur dazusitzen
am Tisch im milden Kerzenschein
und zwanglos ins Papier zu ritzen
die Verse hübsch in Viererreihn!

Der Tag ist schon in Rot zerronnen,
der Abend liegt schon schwarz und still,
doch hat man grade erst begonnen
und sucht noch, was man sagen will.

Man muss indes nicht lange warten;
die Fantasie, stets auf dem Sprung,
braucht einen Schubs nur, um zu starten,
und bringt sich in Erinnerung.

Was holt sie mir nicht für Gedanken
aus irgendeinem Winkel her,
in dem sie heimlich einst versanken
aus des Bewusstseins Lichtermeer!

Und wie aus unterird’schen Quellen
sich mancher klare Brunnen nährt,
fühl ich die Flut der Bilder schwellen,
die aus den Tiefen wiederkehrt.

Da wird’s schon schwierig, rauszupicken
von „Hustensaft“ bis „Honigmond“
den Stoff, um Strophen draus zu stricken,
weil sich ja jeder dafür lohnt.

Soll ich idyllisch mich gebärden,
vor Laster und vor Lärm geschützt
wie’n Schäfer, der bei seinen Herden
zufrieden auf den Stab sich stützt?

Soll ich ins Universum reisen,
heraus aus meinem trüben Trott,
zu Sternen, die im Walzer kreisen
für ihren Dirigenten-Gott?

Soll ich den Alltagssensationen
poetisch meine Stimme leihn,
der Heiserkeit von Pop-Ikonen,
dem Wasserstand am Oberrhein?

Soll mit erhobnem Zeigefinger
die Meinung geigen jedermann,
den irgendwelcher krummen Dinger
ein Argus überführen kann?

Natürlich ja auf ganzer Linie!
Pfui Poesie am Gängelband!
Lässt sich besingen eine Pinie,
dann auch der ganze Baumbestand!

Von Sachen und Begebenheiten,
o wie der Erdkreis überquillt,
und nur, wenn Pegasus wir reiten,
erschließt sich uns das ganze Bild!

Ein Teppich aus Millionen Flicken,
der um sein Image sich nicht schert –
doch jeder, den wir da erblicken,
ist locker eines Liedes wert.

Paketdienst, interaktiv

Sie scheun sich nicht, mir hochzuschleppen
ein zentnerschweres Möbelstück
drei stufenreiche Altbautreppen,
dass es den Korridor mir schmück.

Nahm jeder sich ‘nen Stapel Bretter
als Einzelteile von dem Trumm,
damit er langsam höherkletter
wie’n Kräuterweiblein schief und krumm.

Doch ließ nicht einen Seufzer hören
den dornenvollen Pfad entlang,
nicht das geringste Stocken stören
den Fuß in seinem Vorwärtsdrang.

Ein andrer will ein Päckchen bringen,
nicht schwerer als ein Zeichenblock,
den höre ich nach Atem ringen
verzweifelt schon im ersten Stock.

Doch schafft er auch die letzte Hürde
und macht mir nicht vorm Ziele schlapp,
entledigt sich der braunen Bürde –
quittieren, tschüs und schon treppab!

Das nenn ich, seine Pflicht erfüllen,
auch wenn sie einem sauer wird,
und sich in Gleichmut einzuhüllen
wie’n Ochse, der ins Joch geschirrt.

Doch gibt es da auch Zeitgenossen,
die nehmen es nicht so genau,
ersparen sich die läst’gen Sprossen
mit einem Trick, der ziemlich schlau.

„Empfänger war nicht zu erreichen –
ob ich’s auch hier abgeben kann?“
Und dienstbereit lässt sich erweichen
die Apotheke nebenan.

So hat der ausgebuffte Bruder
sich rasch von einem Gang befreit,
und ich kauf Pillen oder Puder
beim Abholn noch aus Höflichkeit.

Doch Arbeitsscheu muss hier nicht herrschen.
Der Bote jobbt gewiss mit Fleiß.
Die Crux liegt bei den Schreibtisch-Ärschen,
die machen ihm die Hölle heiß.

Befrachten ihm mit so viel Packen
tagtäglich seinen Lieferbus,
dass abends er trotz allem Placken
‘nen Rest auf morgen schieben muss.

Da braucht es Gauß nicht oder Riese,
dass man die Folgen übersieht –
‘ne ständig stärkre Absatzkrise
in seinem ganzen Fuhrgebiet.

Der Dumme, claro, ist der Kunde,
der extra in der Bude bleibt,
da an dem Tag und zu der Stunde
die Sendung kommt, wie man ihm schreibt.

Warum wir online wohl bestellen?
Wird alles an die Tür gebracht!
Es sei denn, dass in solchen Fällen
die Rechnung ohne Post gemacht.

Online-Geschäfte

Auf Werbung kann man nicht verzichten,
denn Konkurrenz, die gibt‘s zuhauf.
So lässt auch Kunden man berichten,
warum sie glücklich mit ‘nem Kauf.

Und stellt dem weitren Int’ressenten
ihr Urteil ins globale Netz,
dass dank des Lobs, des vehementen,
auch dieser die Erwerbung schätz.

Nur leider zeigt als fauler Kunde
sich mancher in ‘nem andern Sinn
und stiehlt aus der Jurorenrunde
sich mangels eigenem Gewinn.

Doch schlimmer als Politparteien,
die für ‘ne Wahl auf Stimmenfang,
mag dich die Firma nicht befreien
aus deinem schwachen Tatendrang

Und schickt, dich vorwurfsvoll zu mahnen
an dein erbetenes Retour,
‘ne neue Botschaft auf den Bahnen,
die online schon die erste fuhr.

„Auf unsre Bitte wir verweisen
zu Ihrem Kauf von dann und dann,
uns Ihre Meinung einzuspeisen,
die sehr auch andern helfen kann.

Und sollten etwa Sie vermuten,
der Aufwand sei für Sie zu groß:
Sie brauchen nur ein paar Minuten
und ein paar kurze Sätze bloß“.

Wenn so was alle Jubeljahre
mir mal ins Haus geflattert käm,
ich raufte mir drum nicht die Haare
und mir die Zeit zur Antwort nähm.

Doch will das Unglück, ich bestelle
‘ne Menge übers Internet,
das heißt, in jedem dieser Fälle
ich meinen Senf zu geben hätt.

Das würde locker sich am Ende
zu vielen Stunden aufsummiern,
und ich vertippte ganze Bände,
anstatt mein Leben zu goutiern.

Warum soll ich die Trommel rühren
für ‘nen gefräß’gen Großkonzern
und ihm noch die Geschäfte schüren
per Hymnus und Bewertungsstern?

Muss es nicht ohnehin erschrecken,
wie sehr er uns als Kunden kennt
und neue Wünsche zu erwecken,
uns ständig unsre alten nennt?

Was warn das doch für schöne Zeiten,
als sich der Bürger noch empört,
sobald er nur von Staates Seiten
das Wörtchen „registriern“ gehört!

So „gläsern“ ist er heut geworden
in unsrer digitalen Welt,
dass Handel er und Hackerhorden
kaum noch vor größre Rätsel stellt.

Sein Psychogramm „Konsumverhalten“
wird aktenkundig blitzesschnell,
wo immer sie Datei‘n verwalten
für Kunden jetzt und potenziell.

Du schämst dich, ein Kondom zu kaufen
im Supermarkt zum Ladenpreis?
Ach, online wirst Gefahr du laufen,
dass bald schon jeder Puff es weiß!