Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Trautes Heim II

Trautes HeimDie schönen Wochenendvergnügen
sind abgehakt nun und passé.
Man lebt nicht mehr in vollen Zügen,
hockt häuslich auf dem Kanapee.

Statt live sich auf Arenabänken
zu räkeln und auf Plüschgestühl,
muss man auf Filme sich beschränken
mit virtuellem Weltgefühl.

Und statt der delikaten Speisen,
die außer Hause man goutiert,
lässt man Kartoffelchips nun kreisen
und teilt ‘ne Tüte sich zu viert.

Dem übermächt’gen Herdentriebe
für ein’ge Stunden man entsagt
und weiht sich der Familienliebe,
zumindest bis der Morgen tagt.

Inmitten städt’scher Wüsteneien
aus Mauerstein, Asphalt und Müll
sieht wie Oasen man gedeihen
der Stuben flimmerndes Idyll.

Und dunkel mag die Ahnung keimen,
dass mehr noch als bei Tageslicht
in diesen nächtlich blauen Heimen
das Volk mit einer Stimme spricht.

Sei’s Sport („Der Schiri ist ‘ne Pfeife“),
sei’s Krimi („Weiß schon, wer es war“),
die Augen wachsam gehn auf Streife
und finden jedes Suppenhaar.

Und falls zum gleichen Mist bekennen
sich alle beide, Mann und Frau,
muss man die Ehe glücklich nennen
vom Spielfilm bis zur Tagesschau.

Ich kann die Leute nur beneiden,
die so harmonisch und konform,
und sich ins gleiche Nachthemd kleiden
als Bürgerliebesuniform.

Kein Extraspaß am Wochenende,
kein Alltagsglück mit Kind und Weib –
mein Palmenhain im Ödgelände:
‘ne Musenkunst als Zeitvertreib.

Natürlich gar nicht zu vergleichen
mit Nähe und Gemeinsamkeit.
Von Chips indes und Fernsehleichen
bin so ich immerhin befreit!

 

Spaziergang

SpaziergangAllmählich kommt die Stadt zur Ruhe.
Seit Stunden ist es dunkel schon.
Ich spring noch rasch mal in die Schuhe
und mach ‘ne kleine Exkursion.

Nicht die geringste Spur von Regen;
ein leichter Dunst nur trübt die Sicht.
Vereinzelt Laub noch auf den Wegen,
das knisternd untern Sohlen bricht.

Kein Wind mehr in den lichten Kronen;
die letzten Blätter regungslos.
Wo keine Vögel jetzt mehr wohnen,
die Nester liegen nackt und bloß.

In diesem schläferigen Schweigen
in milder Luft schreit ich voran.
Der Himmelslichter bleichen Reigen
führt strahlend der Polarstern an.

O welche Freude, zu genießen
den Frieden dieser Herbstnatur –
das heißt den Abend zu beschließen
mit einer wahren Seelenkur!

Nur manchmal lösen sich noch Schatten
von Menschen aus der Dunkelheit,
die wohl wie ich den Einfall hatten,
zu nutzen diese stille Zeit.

Da vorne seh ich grad verschwommen:
Da steht doch einer wie gebannt.
Jetzt bin ich näher rangekommen –
der steht und pinkelt an die Wand!

Unverhofft

UnverhofftWer unlängst noch vorm Rentnerleben
mir wie auch immer Angst gemacht,
ich hätte Kontra ihm gegeben
und ihn aus vollem Hals verlacht.

„Verschon mich bloß mit deinen Sorgen!
Bin fit seit Jahrn tagaus, tagein –
wie sollte das von heut auf morgen
so mir nichts dir nichts anders sein?“

Doch unerforschlich sind die Wege,
die uns das Schicksal wandeln lässt.
Was heißt schon: gestern resch und rege,
befällt dich heute ein Gebrest?

So war die erste bittre Pille,
die es miteins zu schlucken galt,
‘ne lupenreine Lesebrille
zwecks Führung durch den Zeilenwald.

Auch auf der Ohren treue Trichter
war auf einmal nicht mehr Verlass:
Sie hörten, mit Verlaub, „Gesichter“,
erstickte Laute wie im Fass.

Und andere Wehwehchen kamen,
mir bisher unbekannt, dazu,
die immer mehr in Anspruch nahmen
des Ruh’stands trügerische Ruh.

Der Höhepunkt: ‘ne Darmgeschichte,
für die ich unters Messer musst.
Betrachtet man’s in diesem Lichte,
verschafft die Rente keine Lust.

Wo ist die Brille denn schon wieder,
ich hab sie grad doch noch gesehn!?
Na, denn mal hoch die müden Glieder!
Verzeiht, muss erst mal suchen gehn.

Heroen

HeroenWie sie noch auf dem Sockel thronen,
die Großen der Vergangenheit,
einst herrschend über Millionen –
millionenfach mit Tod und Leid!

Mit festen Füßen auf der Erde
in stolzer Pose sie verharrn,
oft auch im Sattel mächt’ger Pferde,
die drohend mit den Hufen scharrn.

So herrschen sie auf unsren Plätzen
noch heut mit Basiliskenblick,
wo die Touristen grad sie schätzen
fürn flüchtigen Erinn’rungsklick.

Indes auch andre Monumente
hat ihrm Gedenken man erbaut –
jedoch mit ähnlichem Akzente,
wenn in die Chroniken man schaut.

Im Nimbus ihrer Heldentaten,
die meistens doch kein Ruhmesblatt,
sieht durch die Bücher man sie waten,
wie jeder Schüler sie noch hat.

Da geistern sie durch manche Seiten
als Schlachtenlenker und als Held,
wie sie für edle Ziele streiten,
bis neidisch sie das Schicksal fällt.

Und spuken so in vielen Köpfen
bis heut als musterhaft herum,
wo sie fürs Schinden doch und Schröpfen
verschleudert ihr Ingenium.

Ja, dieses Purpurpack von Schlächtern,
das nur nach Land und Gold gegiert,
zu Heiligen und Tugendwächtern
ist nachgerade es mutiert.

Die Brüder, macht- und siegestrunken,
zu jeder Gräueltat bereit,
sie wären Mörder und Halunken,
am Maß gemessen unsrer Zeit!

Doch niemand, der sie von der Schwelle,
der hoh’n, des Denkmals stürzen mag –
indes von jedermann Appelle,
beschwörend zum Volkstrauertag.

Die Seiten endlich rausgerissen,
geschrieben mit der Völker Blut,
wo man Gekrönte ohn’ Gewissen
als „groß“ verewigt und als „gut“!

Sie warn so schlimm wie ihre Zeiten,
genauso schrecklich und brutal;
das mildert ihre Scheußlichkeiten,
wenn überhaupt, nur minimal.

Raus also mit dem Straußenhaupte
aus diesem denkvergessnen Sand,
und fort die Achtung, die verstaubte,
die ihnen stets nur Kränze wand!

Wo bleibt der Mut, sich zu bedienen,
wie Kant gefordert, des Verstands?
Es läuft sich leicht in alten Schienen,
in ihrem abgefahrnen Glanz…

Wieder Abend

Wieder AbendWie immer ist es still geworden,
wenn sich der schwarze Vorhang senkt
und jener hohe Stern im Norden
des Träumers Blicke auf sich lenkt.

Indessen Nebelfäden spinnen
die Häuser immer dichter ein
und hüllen in das feinste Linnen
den gänsehäut’gen Mauerstein.

Wie kräftig muss der Mond da schwimmen,
dass er den Wolkendunst zerteilt,
um immer höher aufzuklimmen,
bis er den Augen fast enteilt!

Ich seh auch heute ihn wie immer
vom Tisch, wo ich den Musen dien
und der nur schwach erhellt vom Schimmer
des Flämmchens auf dem Stearin.

Die Flasche noch, das Blatt, die Feder –
damit wär’s Arsenal komplett,
mit dem ich kräftig zieh vom Leder
für das parnassische Nonett.

Mich zu ermuntern, summt die Therme,
schlägt spitz die Wanduhr mir den Takt,
verzehrt die Kerze sich vor Wärme,
dass mich die Schaffenshitze packt!

Und langsam, ohne mich zu hetzen,
erbau ich des Gedichts Struktur,
so wie die Maurer Steine setzen
mit Wasserwaage und mit Schnur.

Und seh es wachsen Zeil’ um Zeile,
bis seine Größe es erreicht,
indes ich unentwegt dran feile,
dass es auch wirklich Großem gleicht.

Meist ist zusammen mit dem Ende
des Roten auch das Werk vollbracht –
sonst spuck ich morgen in die Hände
erneut bei Stille, morgen Nacht.

Der Autokrat

Der AutokratEr duldet keine Widerrede.
Was er verordnet, wird gemacht.
Zuwiderhandeln hieße Fehde –
und dann, mein Lieber, gute Nacht!

Humor ist ja nicht seine Sache,
fasst alles gleich persönlich auf.
Und seine erste Regung: Rache,
kommt ihm der „Lümmel“ vor den Lauf.

In allem will er recht behalten,
der andern Meinung ist ihm schnurz.
Drum gibt’s bei ihm kein Haarespalten –
wenn Diskussionen, dann nur kurz.

Liebt’s eh nicht, richtig zuzuhören
dem „überflüssigen Gesülz“,
doch sehr, den Redefluss zu stören
mit Katarakten jäh’n Gebrülls.

Da braucht er sich nicht anzustrengen,
ist von Natur er doch schon laut –
schlägt Stentor (wisst ihr noch?) um Längen,
dem er die Technik abgeschaut.

Das heißt ihm platzt auch leicht der Kragen
und mit demselben die Geduld:
Die Order solln rasch Früchte tragen,
wo nicht, sind „diese Stümper“ schuld.

Im Umgang, klar, mit seinen Leuten
bleibt Etikette ungenutzt –
wie anders sollte man es deuten,
dass er sie stets herunterputzt?

Ein Ekel also sondergleichen,
das völlig aus dem Rahmen fällt
für einen, der gewicht’ge Weichen
im Netz der Unternehmen stellt?

Gewiss nicht. Solche Firmenflegel,
geschniegelt und auf hohem Ross,
sind in Etagen ja die Regel,
in denen wirtschaftet der Boss.

Und jeder ‘n ausgebuffter Blender,
der auf die große Pose schwört,
‘n kapitaler Sechzehnender,
so wie er geht und wie er röhrt.

Dabei dynamisch, fit, gediegen;
stets auf dem Posten, niemals krank.
Mit einem Wort: nicht totzukriegen.
Nur biologisch. Gott sei Dank!

Abendlied

AbendliedHätt ich’s nicht tausendmal beschworen,
weiß Gott, ich pfiff’s euch wieder zu –
das Lied der Nacht, die just geboren
aus Dämmerung und Abendruh.

Doch will ich nicht den Mond besingen,
wenn er sich groß mit Licht auch sträubt,
so wenig wie die Engelsschwingen,
die ganz mit Sternengold bestäubt.

Kein Wörtchen auch von jener Kühle,
die dampfend aus den Mauern steigt,
dass sie die Straßen überspüle
mit einem Dunst, der frostig schweigt.

Und auch den Wind soll nicht beschreiben
die Feder, die ich heute führ,
der flau vom fleiß’gen Blättertreiben
jetzt nicht mehr rüttelt an der Tür.

Noch wen’ger will ich davon schwätzen,
dass kaum ein Auspuff wo noch pafft
und Autos nicht mehr heimwärts hetzen
mit zügelloser Pferdekraft.

Ja, auch der Vögel nicht gedenken,
die ihre Flüge eingestellt
und keinen müden Piep mehr schenken
der kalten, sonnenlosen Welt.

Geschweige Menschen denn beschwören,
dern Schritte hier und da noch halln,
die umso deutlicher zu hören,
da jäh sie in die Stille falln.

Nein, nein, ich will euch heut nicht quälen
mit Sprüchen, die schon so ‘nen Bart,
und euch die Zeit, die kostbar, stehlen
für ‘ne poet’sche Butterfahrt.

Da wir nun einmal Nacht schon haben
und mörderisch gespannt ihr seid,
will ich nach seltnen Versen graben
im Schutze dieser Dunkelheit.

Schon kommt mir einer auf die Schippe,
den, Jesses!, ich noch nie gesehn:
„Als Sokrates würd mit Xanthippe
allmählich ich jetzt schlafen gehn.“

Ein Schmuckstück. Doch herbeigezogen
wie an des Kairos schopf’gem Haupt.
Na, nichts für ungut; bleibt gewogen,
dem, der euch so die Nerven raubt!

Illusion II

Illusion2Ach, wie sie so zum Gotterbarmen
mit feuchten Augen auf mich schaut,
möcht ich den Bildschirm glatt umarmen,
sie lieb zu trösten wie ‘ne Braut.

Behutsam ließ die Hand ich gleiten
über ihr Haar, das sanft sich wellt
und ohne Stürme und Gezeiten
ihr seidig auf die Schulter fällt.

Und ihre Tränen würd ich küssen
mit Lippen voller Zärtlichkeit,
so dass sie schon versiegen müssen
vor Ablauf ihrer Trauerzeit.

Doch kaum dies unbewusst erwogen,
von jäher Neigung übermannt,
hat man sie mir auch schon entzogen
und andre Szenen zugesandt.

Und wie ich noch so sitz und säume,
beschwörend dieses Angesicht,
zerstört der Rat die schönen Träume:
„Verpass die nächste Folge nicht!“

Da sauste ich aus Wolke sieben
und schlug im Sessel wieder auf;
die Knochen waren heil geblieben,
im Herzen nur, da ging was drauf.

Wie den Verstand nur so entweihen
fürn Traumgesicht, für ein Phantom,
der Elektronen Gaukeleien
in der Regie von Volt und Ohm?

Die in uns Illusionen wecken
wie’n Zauberer mit seinem Hut,
in dem ganz unverkennbar stecken
Kaninchen, die aus Fleisch und Blut.

Ja, dass wir gar zu sehen kriegen
Gestalten, die geräumt das Feld
und längst in Eichenbrettern liegen,
die jetzt bedeuten ihre Welt!

In diesem flüchtigen Geflimmer,
das sich nicht Rast noch Ruhe gönnt,
bewahrn die Bilder sich für immer –
so wirklich, dass man heulen könnt.

Leistungsgesellschaft

LeistungsgesellschaftNur wer das Höchste kann vollbringen,
wer sich ins Zeug zu legen weiß,
wird Ruhm und Ehre sich erringen,
der Sonderleistung goldnen Preis.

Du hast ‘nen Weltrekord errungen?
Schon spricht das ganze Land davon:
Dreitausend Mal im Kreis gesprungen –
gewaltig; ab ins Pantheon!

Ein andrer schlug in 15 Stunden
901 Minuten tot
und hat sich nicht mal groß geschunden.
Den holte sich Cartier ins Boot.

Beim Wettbewerb im Erbsenzählen
hat niemand etwas vorgemacht
‘nem Amtmann, der es ohne Quälen
auf 32 Sack gebracht.

Mit Hängebacken Trübsal blasen
konnt einer so unendlich trist,
dass in zweihundert Blumenvasen
spontan der Strauß verkümmert ist.

Und was für Lobeshymnen hallten,
als dieses Meisterstück gelang:
5015 Haare spalten
in einem einz’gen Arbeitsgang!

Den Vogel aber abgeschossen
hat mit den Stellen der von π –
der zählt seit Jahren unverdrossen,
und enden wird er, wetten?, nie!

All diese ausgemachten Helden,
wie man sie feiert und hofiert!
Was aber habe ich zu melden,
das man mit Ahs und Ohs quittiert?

Verzicht auf Pausen ich und Pofen
und knie mich voll ins Dichten rein:
250 000 Strophen,
die sollten doch zu wuppen sein.

Heißt: Schlappe 100 Jahre weiter
am Ziel ich meiner Wünsche wär –
auf des Erfolgs stabiler Leiter
als erster Zeilenmillionär!

Heilige Pädagogik

Heilige PädagogikWen hätte lieber man zum Vater
als Jesus, der seit alter Zeit
in diesem wüsten Welttheater
das Muster gibt der Menschlichkeit?

Der lehrte, seinen Feind zu lieben,
und Petrus drum das Schwert entwand;
der Sündern, die schon abgeschrieben,
verständnisvoll zur Seite stand?

Der segensreich den Armen, Schwachen
hat Hand und Hilfe stets geliehn,
geheilt, um ihnen Mut zu machen,
gescherzt, getröstet und verziehn?

Der „Lasst die Kindlein zu mir kommen,
denn ihrer ist das Himmelreich“
zum Staunen aller Pseudofrommen
gefordert völlig „chancengleich“?

Sich den als einen vorzustellen,
der seine Lütten manchmal bläut,
kam nicht den übelsten Gesellen
in ihren schmutz’gen Sinn bis heut.

Das bleibt der Kirche vorbehalten,
die dank des Drahts zum Heil’gen Geist
selbst ihres Meisters Wolln und Walten
nach Gusto übern Haufen schmeißt.

Hat eben erst sein „Stellvertreter“
mal wieder öffentlich getan –
der Stuhlbefugte von St. Peter,
der Seelenhirt‘ vom Vatikan.

Merkt auf, ihr Männer und ihr Frauen,
der Papst gewährt Dispens euch jetzt:
Ihr dürft die Gören auch mal hauen,
wenn’s ihre Würde nicht verletzt!

Den Widerspruch indes zu lösen,
Dogmatik erst studieren geht,
der hat ja Haken auch und Ösen
wie die vertrackte Trinität!

Auf einer Linie etwa läge,
was ja auch logisch nicht bestäch,
wenn man bei solcher „Kinderpflege“
vom „Heil’gen Rabenvater“ spräch.