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Warm einpacken

WinterschalNach goldenen Septembertagen
der Sturz ins kalte Kellerloch!
Kann denn der Sommer Wurzeln schlagen?
Der Herbst kommt einmal doch.

Und wie sie plötzlich alle fallen,
die Hemden mit dem kurzen Arm,
im Wäscheschrank gehäuft sich ballen,
bis es im Frühjahr wieder warm!

Mir scheint, sie lässt sich doppelt spüren,
die Kälte, die so jäh begann.
Verstopft die Fenster und die Türen,
sie fällt euch auch zu Hause an!

Und raus nun mit den woll’nen Socken
aus ihrer faulen Sommerruh,
auf dass der Fuß stets warm und trocken
sich schmiege in den feuchten Schuh!

‘s ist wieder Zeit für dicke Jacken,
die man zunächst noch offen trägt.
Doch zieht es erst an Hals und Nacken,
‘nen Schal man um den Kragen schlägt.

Man crem auch häufiger die Pfoten,
dass rau und rissig nicht die Haut.
Memento mori, denk der Toten –
kurz auch am Grab vorbeigeschaut!

Jetzt heißt es, sich die Wärme schaffen,
die uns versagt die Jahreszeit,
mehr Röcke um die Leiber raffen
wie’n Tier sein haar’ges Winterkleid.

Doch schützt das auch vor allen Übeln?
Gewissheit gibt es letztlich nie.
Noch immer schüttet’s wie aus Kübeln.
Des Himmels Herbstmelancholie.

Montagsreden

MontagsredenEin Montag. Und in Sonntagsreden
gedenkt man der Vereinigung.
Geschichte, greifbar noch für jeden,
da erst gut zwanzig Jahre jung.

Politiker quer durch die Beete
verkünden unisono heut,
wie glücklich man zusammennähte
den schlimmen Riss durch Land und Leut.

Und dass man aus den Kerkermauern,
in denen es gefesselt lag,
das Volk der Arbeiter und Bauern
erlöst mit ‘nem Befreiungsschlag.

Und wie sich dann das Blatt gewendet,
warn erst die bösen Schergen fort,
Gewalt und Willkür jäh geendet
und alles Unrecht über Bord.

Und wie den Menschen man zum Segen
erneuert ihre Wirtschaftskraft,
indem des freien Marktes wegen
man ihr Gewurschtel abgeschafft.

Ja, wie die Brüder und die Schwestern,
wie salbungsvoll sie einst genannt,
entkamen ihrem trüben Gestern,
vereint in einem Vaterland.

Soweit der Sack der guten Gaben,
den unser „Bund“ dort ausgeleert,
dass an den Freuden teil sie haben,
die nur das Kapital gewährt.

Nur selbst sich auf die Schulter klopfen
und loben übern grünen Klee!
Man möchte sich die Ohrn verstopfen,
so sehr tut dies Gehudel weh.

Gewiss hat man von mancher Bürde
den deutschen Menschen (Ost) befreit,
doch achte man auch seine Würde,
dass man’s nicht pausenlos beschreit!

Ist nicht zuletzt ihm selbst zu danken,
dass er mit Murren und mit Mut
das Staatsgebäude bracht ins Wanken
und stürzte seine Herrscherbrut?

Und wäre es nicht auch gelogen,
wenn alles, was er aufgebaut,
man rundheraus in Bausch und Bogen
verächtlich in die Pfanne haut?

Ja, kritisch müsste man sich fragen:
Was er sich da erhandelt hat,
hat’s ihm nur Gutes eingetragen –
hat er’s womöglich gar schon satt?

Kein Stoff indes für Sonntagsreden.
Da predigt stets ein Populist.
Der streut Kamellen aus für jeden.
Auch wenn tatsächlich Montag ist.

Am Sattelplatz

Am SattelplatzWie immer pünktlich mir zur Stelle:
Kopierpapier, so weiß wie Schnee,
die Kerze, Sinnbild sanfter Helle,
und, inspirierend, Chardonnay.

Schon hat mit Dunkelheit und Schweigen
im Häuserkampf die Nacht gesiegt,
Fassaden ihre Wunden zeigen
als Licht, das auf den Scheiben liegt.

Und wo mit Lampen zu Millionen
der eis’ge Himmel sonst besät,
sind, Energien wohl zu schonen,
auf Null die Flammen nun gedreht.

Selbst der Trabant, der, um zu glänzen,
sich doch mit fremden Federn schmückt,
hat, seinen Auftritt heut zu schwänzen,
sich still vom Firmament verdrückt.

Die Finsternis soll mich nicht schrecken,
da ich ja zum Parnass nur muss
und zu dem abgelegnen Flecken
als Navi hab den Pegasus.

Wenn ich mich durch die Lüfte schwinge,
in seine Mähne festgekrallt,
vor Angst ich und Begeist’rung singe,
dass weit es in die Räume hallt.

Und steh ich endlich vor den Musen,
die Lippen bebend noch vom Lied,
frag ich beklommen mich im Busen,
ob man als Stümper mich nicht sieht.

Sind dies die Verse, die den Schwestern
gefällig in die Ohren gehn,
ach, oder werden heimlich lästern
die Schönen, die sich drauf verstehn?

Doch halt! Warum sich Sorgen machen?
Bist du erst oben angelangt,
mag dich die halbe Welt belachen,
der Rest dich doch mit Ruhm berankt!

So bring gelassen ich zu Ende
die Zeilen, einz’ge Les’rin, hier
und geb getrost in deine Hände
sie als der zehnten Muse dir.

Hausnachbarn

HausnachbarnIm dritten Stock, da steckt die Bude,
die ich seit Olims Zeit bewohn.
St. Georg und nicht Winterhude,
was das bedeutet, wisst ihr schon.

Ein Mietshaus. Und ‘ne Menge Leute,
die es wie mich hierher verschlug.
Ich weiß nicht, ob es wer bereute –
es fluktuiert indes genug.

Doch einige sind auch geblieben
am Standort zwischen Bahn und Strich,
dass, auch wenn’s nicht aufs Schild geschrieben,
ich sie doch kenne namentlich.

Ja, von dem einen oder andern,
da weiß ich sogar, was er treibt.
Was man beim Treppenhausdurchwandern
sich halt so untern Zinken reibt!

Mein Nachbar grade gegenüber
ist Archivar und diplomiert,
und, werden auch die Zeiten trüber,
nicht bang, dass er den Job verliert.

Und über mir in der Etage,
die’m Pantheon am nächsten liegt,
ein Mime, der auch seine Gage
schon mal für Fernsehrollen kriegt.

Daneben Typen, die studieren
was weiß ich welche Fakultät
und mit dem Fahrrad rumkutschieren,
das andernfalls vorm Keller steht.

Von mir wird sicherlich man wissen,
dass ich vom Staat mein Geld gekriegt,
mein Haupt jedoch im weichen Kissen
des Ruhestands inzwischen liegt.

Nichts davon, dass den Pferdefimmel
ich weiter beibehalten hab
und jetzt nicht mehr des Amtes Schimmel,
doch bring das Musenross auf Trab!

Warum es wem auch offenbaren,
mit dem ich hause Wand an Wand?
Gilt der Prophet seit tausend Jahren
doch nicht mal was im eignen Land!

Kein Ruhmesblatt

Kein RuhmesblattEs ist nichts Großes vorgefallen.
Es war ein Tag wie andre auch.
Kein Glanzobjekt für Ruhmeshallen.
Von Weltbewegendem kein Hauch.

Die Dinge, die sich immer gleichen.
Rasieren, Frühstück, Radiohörn.
Dabei stets durch die Bude schleichen,
die lieben Nachbarn nicht zu störn.

Gelegentlich das Buch sich schnappen,
in dem man dieser Tage liest,
dass sich ein weitrer guter Happen
des Textes auf die Seele spießt.

Und dass auch öfter mal die Tasse
‘nen Kaffee oder Tee enthält,
damit nicht mangels solcher Masse
die Kehle plötzlich trockenfällt!

Dazwischen ging es auf die Schnelle
zum Hamstern in den Supermarkt.
Geruhsam. Und auf alle Fälle
nicht förderlich für Herzinfarkt.

Und sonst? Ich weiß nicht. Fehlanzeige.
Beharrlich ging die Uhr im Kreis.
Die Zeit spielt’ auf der Teufelsgeige,
doch spielte sie unendlich leis.

Da war es auch schon Nacht geworden.
Ein langer Tag wie weggewischt.
Kein Deichbruch, keine Hunnenhorden.
Wie eine Kerze, die erlischt.

So muss es denn als Gipfel gelten,
wenn abends ich den Musen dien,
um vor der neun Geschwister Welten
mit Worten, myrrheschwer, zu knien.

Das ist das Opfer, das dem Tage
auch heut ich wieder zelebriert.
Und das ich niemals mir versage –
weil ja zum Glück nie was passiert.

Im Wildpark

Im WildparkVertreter aller Waldestiere
vereint im Bestiarium,
und dass sich keins daraus verliere,
beschließt ein Zaun es ringsherum.

Wie auch die einzelnen Gehege
die Vorsicht säuberlich getrennt,
damit nicht Beutegier sich rege
bei freiem Streifen durchs Geländ.

Den Bären wäre nicht zu trauen
mit ihrer ungestümen Kraft,
den Luchsen minder nicht und Sauen
und nicht der Wölfe Bruderschaft.

Unüberwindlich sind die Schranken,
in die man die Instinkte wies,
dass sich die Biester nicht verzanken
und leben wie im Paradies.

Da tritt ein Steinbock an das Gitter
gemächlich vor die Raufe hin,
blickt düster wie ein Leichenbitter
und muffelt die Kastanien drin.

Und da auf der geneigten Fläche
ein Wildschwein, das sich sauwohl fühlt,
versinkt sein Lauf in dem Gebräche,
das er sich selber aufgewühlt.

Zwei Otter, die noch jung an Jahren,
sie rutschen auf dem Fels heran
wie Mimen, publikumserfahren,
und schaun die Gaffer grinsend an.

Da krümmt sich auch der Namensvetter,
die Otter sich zur Kreisgestalt,
dies herrliche Septemberwetter –
es lässt ja so’n Reptil nicht kalt.

Und auf des Tales tiefstem Grunde,
am Weiher, wo ihr Hüttchen steht,
hockt friedlich in gesell’ger Runde
die Graugans wie zum Nachtgebet.

Auch Käuze regungslos verharren
auf kahler Äste Hochgericht,
und ihre blinden Augen starren
gespenstisch aus dem Haargesicht.

Im Schatten an der Kote Seite
Wapitihirsche, groß und klein,
die Kuh hier, hier der stolz Geweihte,
und da die lieben Kälberlein.

Gewiss ‘ne Truppe von Exoten
in diesem deutschen Waldrevier,
doch immerhin des Nordens Boten
und so gesehn auch heimisch hier.

Da fallen eher aus dem Rahmen,
man findet sie hier reichlich auch,
die aus dem schwülen Asien kamen,
die Schweine mit dem Hängebauch.

Sie streunen rings auf allen Wegen,
tun grunzend ihr Behagen kund,
da sicher sie vor Schicksalsschlägen
trotz Migration als Hintergrund.

Auch Basken, Briten, Balten
baut Zäune groß und stark –
der Hass wird bald erkalten,
die Welt zum Freizeitpark!

Abendmonolog

AbendmonologDer Tag klingt wieder aus mit Reimen,
mit Versen zieht er in die Nacht,
mit Worten, die im Herzen keimen
fast wie von selbst und unbedacht.

Schon ist auch das Gerät zur Stelle,
das für den Musendienst ich brauch:
Heft, Schreiber und, Garant der Helle,
ein Flämmchen ohne Ruß und Rauch.

Den Ellenbogen auf die Kante
des buntbetuchten Tischs gestützt,
besteig ich meine Rosinante,
die grad wie Pegasus mir nützt.

Der Stift zieht fröhlich seine Kreise,
verknüpft zum Viererpack die Zeiln,
um ordentlich auf diese Weise
in Strophen alles einzuteiln.

Und so entsteht im Handumdrehen
‘ne Menge an verschnürtem Text,
die mich ermahnt, mich vorzusehen,
dass mir kein Epos draus erwächst.

Man kommt wohl leicht ins Fabulieren,
grad wenn man mit sich selber spricht
und keiner hilft zu regulieren
den Redefluss, der Dämme bricht.

Fehlt mir auch viel noch zum Poeten,
so doch nicht seine Einsamkeit,
erwünscht halb und halb ungebeten,
gibt sie schon lang mir das Geleit.

Drum hab ich in den stillen Stunden
mir gleichsam als Homunculi
die kleinen Freunde ja erfunden –
die aus dem Reich der Poesie.

Ein Meilenstein

Ein MeilensteinNun hat auf ihren Wanderungen,
von deren Pfaden sie nicht weicht,
die Erde wieder notgedrungen
des Herbstes Meilenstein erreicht.

Und weil sie’s immer so gehalten
am Grenzpunkt einer Jahreszeit
wie hier beim Übergang zur kalten,
wechselt auch diesmal sie ihr Kleid.

Sie trennt beherzt sich von dem Laube,
das grün im Sommer sie erfreut,
und lässt es welk dem Wind zum Raube,
der’s weithin auf die Wege streut.

Sie macht, dass die behalmten Fluren,
die ährenschwer der Sichel harrn,
nach deren Schnitten und Blessuren
verstümmelt aus den Stoppeln starrn.

Umwindet sich mit Nebelschleiern
wie eine Dame mit ‘nem Flor,
die statt des Lebens lust’gen Feiern
dem Witwenstande sich verschwor.

Trägt nächtlich goldene Pailletten,
die funkeln eisig klar wie Firn
und sich zu Bildern oft verketten
wie dem vom Siebenergestirn.

Dies könnt ich bloßen Augs erkennen,
da sich auch hier der Himmel spannt
und unbesehn sein Licht lässt brennen
wie über Stadt, so über Land

Läg tausendfach im Lampenscheine
nicht jegliche Fassade da,
verschlingend alles Ferne, Kleine
und übergroß dem Blicke nah.

Und Felder, deren stolze Triebe
zu bloßen Stümpfen man zerhaun,
ich kann sie hier bei aller Liebe,
in meinem Wohnquartier nicht schaun.

Drum herbstlich also nichts empfunden,
ganz eingestellt auf Sommer noch?
Ach, an des Tages kürzren Stunden
spür schmerzlich ich sein Nahen doch!

Abgetrocknet

AbgetrocknetBisweilen riss die Wolkendecke
ein wenig auf wohl hier und da,
so dass man kurz an solchem Flecke
das kühle Blau des Himmels sah.

Die Lüfte frisch, doch ohne Kälte.
Kein Blättchen zitterte im Wind,
nichts, was die letzten Pfützen wellte,
die auf den Wegen blank und blind.

Und sollt man nach der Sonne trauern,
da doch kein Tröpfchen Regen fiel?
Nach all den Stürmen, all den Schauern
lag endlich mal die Welt auf Kiel!

Welch klare, heitre Atmosphäre!
Und schärfer jegliche Kontur,
als ob nun alles greifbar wäre,
was gestern grade sichtbar nur!

So auch die Ruhe, auch der Frieden,
den uns der Wettergott gewährt,
der seinen Zorn zum Blitz zu schmieden,
jetzt andre Gegenden beehrt.

Mein Herz, es müsste sachter schlagen
in heiterer Gelassenheit –
doch grad an solchen stillen Tagen:
Wie die Erinn‘rung darin schreit!

Herbstlich beizeiten

Herbstlich beizeitenFür unsre Spatzen kaum noch Krumen,
statt Rosen Astern in der Flur:
Aus Vögeln redet sie, aus Blumen,
und immer ehrlich, die Natur.

Sie sagt: Der Sommer ist gewesen.
Sie sagt: Das Jahr nimmt seinen Lauf.
Im Süden heißt es Trauben lesen,
im Norden: Spannt die Schirme auf!

Herr Celsius muss kürzertreten,
doch dicke tut sich Herr Beaufort:
Der platzt vor Stolz aus allen Nähten
und orgelt sich in jedes Ohr.

Die Heizung langsam höherschrauben.
Den Pulli plätten und den Schal.
Bei Sturm empfohlen: Regenhauben,
die lege man zurecht schon mal.

Im satten Grün der Eichenkronen,
im mild’ren, das die Linde ziert,
sieht immer mehr man Motten wohnen:
die Blätter, die zu Braun mutiert.

Und auch an roten wird’s nicht fehlen,
sofern man auf ein Ahorn trifft,
die diesem nichts an Schönheit stehlen,
sind fürs Gedeihn sie ihm auch Gift.

Man sollte sich nicht unterstehen
dem Laub, das auf dem Weg verstreut,
bedenkenlos zu Leib zu gehen,
das hat schon manchen Fuß gereut

Der unversehns den Halt verloren,
weil ihn die Bodenhaftung floh
auf Blättern, die gegerbt, gegoren
in Schauern, Morgentau & Co.

Und dann der Lüfte kühles Schweigen,
wenn morgens dämmernd man erwacht –
kein Zwitschern hört zum Himmel steigen,
nur Lärm man, den die Mülle macht.

So muss er notgedrungen kommen,
der Herbst, wie er uns prophezeit.
Da seh ich ihn auch schon verschwommen –
im Fenster da, im Nebelkleid!