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Kunstgriffe

Die Kunst der StundeDie Kunst, wie soll man sie beschreiben?
Ich mein: Was macht ihr Wesen aus?
Wenn ich jetzt reime „Fensterscheiben“,
bin ich als Dichter schon fein raus?

Das kann nicht sein. Ich wälze Schriften.
Gedrucktes tut ja Wahrheit kund.
Kein Zweifel soll mir je vergiften
dies Manna aus Expertenmund.

Doch halt, hier stock ich schon
(um den „Olympier“ zu zitieren) –
die Schriften sind Legion:
Wo mag die Wahrheit mitmarschieren?

Horaz, der Elegien großer Meister,
bewies auch diesbezüglich seinen Rang.
Die Musen, riet er dem Talent, begeister
mit Tricks und Regeln auch für deinen Sang!

Beschrieb in der „Poetik“ detailliert
die Klippen, die es zu umschiffen gilt,
damit nicht spurlos sich verliert
das Wort, das unserm Kiel entquillt.

Soll ihm der Wahrheit Palmenzweig gebühren?
Wenn einem, sicher, dann Horaz –
wird zum Parnass er auch nicht führen
den Gipfelstürmer zweiten Grads!

Die Normen, die er klug ersonnen,
verwandt er selbst nur virtuos –
ach, Schafe tränk an goldnen Bronnen,
ihr Blöken werden sie nicht los!

Zuerst Talent, das höchste Muss.
Dann: Lieder, reifend im Gehirn.
Dazu ein Schreiber, gut in Schuss,
Gedankenknäuel zu entwirrn.

Fühl zum Poeten dich berufen,
scharr, Pegasus, mit deinen Hufen!
Denn Chuzpe ist die halbe Kunst
beim Aufstieg in der Massengunst.

Ein schlimmes Schicksal überdies
kann dich zum Könner küren:
Der Ruf des leidenden Genies
erschließt sich Herzenstüren.

Exzentrik kommt dir auch zugut.
Nur immer alles hübsch verquer!
Das Einhorn liebt man, die Chimär’,
nicht Mäuse, grau, mit Doktorhut.

Indem ich mich so dreh und winde,
mal hier, mal da den Reim postier –
ob dadurch ich dann glücklich finde
des Dichterruhmes Elixier?

Die Form, sie führ kein Eigenleben,
schmieg innig sich dem Inhalt an:
Was würd ich für Terzinen geben,
wie Dante göttlich sie ersann!

Dass einer in den andern schlinge
sich kettenmäßig Glied für Glied,
so reiht die Reime er zum Ringe,
den er um alle Sphären zieht.

Und weg von ausgelatschten Pfaden:
Mit kühnem Salto querfeldein
und Frischluft in die Lunge laden –
der halbe Dichter-Führerschein!

Doch so dantesk wird’s nicht gelingen
das Neue, wenn es wild gewollt.
Lass wie im Rausch den Stümper singen:
Du hörst nur einen Trunkenbold.

Sind Reim und Rhythmus dir gelungen,
sind Klang gefällig und Gehalt?
Schon Gründe für Belobigungen –
doch Lorbeer nicht im Blätterwald.

Die Speisen, die wir täglich kauen,
sind sie Gemenge nur, Gemisch?
Gekröse auf des Gaumens Auen,
Kaldaunen nur von Kutterfisch?

Gewürz muss rein und Hitze,
und alles wohldosiert,
worauf das Ganze schwitze,
akribisch terminiert.

Und schließlich noch ’ne Prise
von irgendeinem Kraut,
geheim trotz Expertise,
dem Koch nie abgeschaut.

(Ui, hat der Vers mich Zeit gekostet!
Ihr Musen, sagt, wo seid ihr hin?
Glaubt nicht, dass ich am Ende bin:
Denn nur wer reimet, der nicht rostet.)

Bei diesem wieder gab’s kein Zaudern:
Momente nur hat es gebraucht.
Verzeiht dies Aus-der-Schule-Plaudern –
doch seht auch, wie das Dichten schlaucht!

Lernt man Gedichte nach Rezepten?
Poetiken sind Schall und Rauch.
‘ne Handvoll Tricks für die Adepten –
der Rest kommt aus dem hohlen Bauch.

Versuch mal, so was zu erklären,
was unbewusst mit uns passiert!
Willst deinen Bauch du Mores lehren,
damit sein Knurren ihn geniert?

Vorsingen

VorsingenNun denn, mag es auch unnütz scheinen,
ein wesenloser Zeitvertreib,
ich halt mich damit auf den Beinen,
heißt: leidlich frisch an Geist und Leib.

Zum Sammeln bin ich nicht geboren,
was immer fürn Objekt es sei,
und auch die Entenjagd in Mooren
geht locker mir am Arsch vorbei.

Auch Schweinsgalopp auf langen Bahnen
in Läufen der diversen Art
hab anders als die Steinzeitahnen
ich satt und träge mir erspart.

Im Keller an Maschinen schrauben
war ebenfalls noch nie mein Ding,
so wenig wie für Gartenlauben
mein Hobbyherz je Feuer fing.

Mit Leib und Seele mich verschreiben
‘nem Sportverein, der angesagt?
Mir reicht’s, ein fauler Fan zu bleiben,
der mal nach der Tabelle fragt.

Das heißt: So viele Steckenpferde –
und keins, das mir gefallen kann.
Doch statt als Anlass zur Beschwerde
nahm eher ich‘s als Chance an.

So ist es schließlich denn gekommen,
dass ich als hoffnungsloser Fall
die Höhen des Parnass erklommen,
zu üben mich als Nachtigall.

Da sing ich nun ‘ne gute Weile
mit Leidenschaft aus vollem Hals
und weiß doch nicht, ob Amors Pfeile
schon folgten meiner Musenbalz.

Die Schönen geben sich verschlossen,
ihr Herz in Dornen eingefasst,
dieweil des seinen Blut vergossen
der Sänger ohne Ruh und Rast.

Womöglich finden sie zu fade
des Vogels kultivierten Sang,
dem schrillen lauschend der Zikade
von wildem, kakofonem Klang?

Das wäre nicht nach meiner Mütze –
so monoton dahingezirpt
wie neunundneunzig Liegestütze,
durch die man ein Diplom erwirbt.

Da kratzfußbuckel ich doch lieber
noch weiter vorm Kulturpalast –
an Lorbeerlaub ein Kohldampfschieber,
der Höhenluft zumindest prasst.

Störfeuer

StörfeuerIm Hintergrund ein Wetterleuchten,
das blinkend übern Himmel streicht,
als ob im Schlummer Sterne keuchten,
dern Atemzug als Licht entweicht.

Da braut und brodelt ein Gewitter,
das schon von fern mit Blitzen droht,
damit das Hasenherz erzitter,
noch eh es übern Löffeln loht.

Ich schreibe furchtlos einfach weiter,
als ging das Ganze mich nichts an;
doch schon erscheint der Feuerreiter
und brennt und zündelt, wo er kann.

Und das mit einem Mordsgetöse,
dass zu man sich die Ohren hält
und Hasenherz mitsamt Gekröse
fast in den Hosenboden fällt.

Doch schwächlich von Geburt an Gaben,
hat’s auch den Ehrgeiz mir erweckt,
durch jeden Tunnel mich zu graben,
in dem ein Fünkchen Hoffnung steckt.

Die Stirn geboten den Gewalten,
die das Inferno inszeniern,
doch selbst das Wasser nicht mehr halten,
das wie im Fluge sie verliern!

Und unbeirrbar fortgeschrieben
die Verse unter Donnerhall
und Blitzen, die wie Flocken stieben
im Kältekatastrophenfall!

Dann kommt es, wie es kommen musste:
Der größte Hammer macht mal schlapp,
und wegen hoher Blutverluste
zieht hier die Hölle wieder ab.

Doch abgelenkt von dem Spektakel,
wand träger sich mein Zeilenwurm –
drum klier ich hier die letzten Krakel
schon in der Ruhe nach dem Sturm.

Etwas Heimatkunde

Etwas HeimatkundeDie Bucht zog sich in kühnem Bogen
an eines Hügels Fuß entlang.
Hoch überm Strand die Möwen flogen
mit kreischendem Gesang.

Vom Wind gegerbt und Winterregen
lag grau und schwer der Ufersand.
Gebälk durchschnitt, dem Meer entgegen,
wie Stege ihn, die eingebrannt.

Nur fünfzig Meter vom Gestade
lief ihm ein Weg getreulich mit –
nicht breit wie eine Promenade,
doch für ‘nen Schulterschluss zu dritt.

Gesäumt war er von Dornenhecken,
so nackt und spitz wie Stacheldraht –
die, wenn die Blüten sie erst decken,
wohl reizend schmücken diesen Pfad!

Ein Gasthaus war hier nirgends offen
für etwas Warmes auf’n Sprung.
Gardinen aus gediegnen Stoffen
vor Stuben voller Dämmerung.

Ins Dorf hinauf! Den Hang erklommen
durch das Gehölz vor seiner Tür!
Und schon bei Häuschen angekommen
mit ausgeprägtem Normgespür.

Verwittert? Kann man so nicht sagen –
doch wohl ein bisschen angegraut.
Des Alters erste Spuren tragen
die Katen, vor dem Krieg gebaut.

Beim Schlendern jemanden wir trafen,
der seinen Wagen grad entlud.
Wir hatten unsern Gruß verschlafen,
bis er sein „Moin!“ zu brülln geruht.

Das alte Dorf! Vor hundert Jahren
schon nahm es Gäste in Quartier.
Die Männer, statt zur See zu fahren,
verdienten ihre Heuer hier.

Gewinn war’s auch von unsrer Warte,
den Jägern nach dem Unikat –
bereichernd unsre Wanderkarte
mit Hohwacht. Bucht und Ostseebad.

Nächtlich nachgedacht

Nächtlich nachgedachtGrad hab ich ihn als Sichel noch gesehen,
jetzt ist er wie vom Firmament verschluckt –
na, soll er heimlich seine Runde drehen:
So’n Fitzelchen mich eh nicht juckt.

Der Himmel ist wie leergefegt von Sternen,
ein Licht nur funkelt in der Finsternis –
gemessen an den ungeheuren Fernen
Al-Hambra, Al-Kohol gewiss.

Was diese Klöße da im Kosmos treiben,
bleibt dem Verstand wohl ewig schleierhaft.
Mit Zahlen sie pedantisch zu beschreiben,
das Rätsel aus der Welt nicht schafft.

Was mag die Dinge so entfesselt haben?
Wo will dies rasende Geklump hinaus?
Marotte eines alten Götterknaben?
Relikte eines Giga-GAUs?

Ein güt’ger Vater hätt es sich verkniffen,
Gewächs zu ziehn in diesem Höllenpfuhl
(den Einwand unbeschadet zu umschiffen,
gelingt allein mit Petri Stuhl!).

Versehentlich sind wir wohl nur geraten
auf diesen Horrortrip von Frost und Glut,
um möglichst rasch durchs seichte Sein zu waten,
eh uns erfasst die Lethe-Flut.

Und nirgends ein Bonbon, um uns zu trösten.
Die kleinste Hoffnung wäre noch zu viel.
Der Fahrschein, den wir in die Sonne lösten,
nennt uns den Preis nur und kein Ziel.

Das Licht, in das der Zufall uns geboren,
zeigt in der Ferne uns schon Schatten nahn.
Vom Säugling rauf und runter zum Senioren –
ein Schritt, der wie im Flug getan.

Und gegen die natürlichen Gewalten
hat jedes Mittel immer noch versagt.
Ob mit Chorälen, Händefalten
des Schicksals Richtspruch man vertagt?

Der Priester täglich Brot nur: Spiegelfechten,
wie’s in Jahrhunderten zur Kunst gereift –
und grad so wirksam, wie in Waldesnächten
den Troll man sich vom Halse pfeift!

Mehr liegen mir die Weisen, die empfohlen:
Gelassen trag, was immer auch geschieht!
Und Meister Chronos bleibe dir gestohlen,
wenn heiter dir die Zeit entflieht!

Wieder daheim

EinquartierungZu Hause glücklich angekommen
mit dem geflügelten Gefährt!
Den ersten Wohnsitz eingenommen
mitsamt dem ersten Heim und Herd.

Die Teller, Töpfe und die Tassen
begrüßten mich zwar nicht mit Tusch,
doch so, als hätt ich sie verlassen
erst gestern nur mal auf’n Husch.

(Konkreter will es der nicht sagen
der sich aufs Putzen nicht versteht.
Kann sein, dass mancher Tassenkragen
jetzt stärker noch ins Graue geht.)

Auch will ich kein Geheimnis machen
aus meiner Post, die ja nicht schlief –
die üblichen banalen Sachen:
Reklame, Rechnung, Mietenbrief.

Doch nichts dabei, was Sorgenfalten
hervorrief in dem ganzen Stoß –
zu bunten Knäueln rasch sich ballten
Papiere, die bedeutungslos.

Auch draußen bis auf Kleinigkeiten
kein Wandel, der ins Auge fiel.
Fassaden, die sich endlos breiten,
sporadisch nur in neuem Stil.

Hier ließ ein Restaurant sich nieder
trotz überreicher Konkurrenz
und da ein Figaro schon wieder,
auf dass die Reihe er ergänz.

Die Nachbarschaft in nächster Nähe,
im Hause also Tür an Tür,
wenn ich so leise um mich spähe –
auch da ich nichts Verdächt’ges spür.

Die grad mir gegenüber wohnen,
die Leute auf demselben Flur,
noch immer ihren Teppich schonen
und ihn belatschen barfuß nur.

Und unter mir die Querulanten,
die das Geräusch der Fliege stört,
sie jagen noch nach Fehlerquanten,
sich aufzuplustern als empört.

Ja, auch der Mime unterm Dache,
der‘s schon zu Bildschirmruhm gebracht,
ist weiter treu dem ernsten Fache
und wenn, nur durch die Zähne lacht.

Drum heißt’s getrost sich anvertrauen
dem alten Nest nach Jahr und Tag.
Ich muss nicht erst ein neues bauen –
wenn’s mir auch manchmal stinken mag.

Schlussbild

SchlussbildDen ganzen Tag hat es gegossen,
als ob es nie mehr enden wollt;
so wie aus Kübeln ist’s geflossen,
in Wellen übern Rand gerollt.

Die Güsse schlugen auf das Pflaster,
Fontänen spritzend übern Stein,
und fielen doch nicht durch das Raster
der Fugen in die Erde rein.

‘ne Handbreit Wasser hatte immer
man unter seinem Lederkiel –
und über Stunden keinen Schimmer,
wann dieser Pegel endlich fiel.

Wer dächte da an Sommerfrische,
ein Sonnenbad mit Meeresblick?
Vereinsamt die Tavernen-Tische,
die Pfützen darauf fingerdick.

Und dann der Blitz aus heitrem Himmel:
Die Wolkendecke jäh zerriss
und aus dem wüsten Dunstgewimmel
sich der Azur ins Freie biss.

Ein schmaler, schmächtiger Geselle,
der sich indes nicht lang besann
und Breite sich erwarb und Helle,
bis er den ganzen Raum gewann.

Da traute sich der Schreiber dieses
(ich lass mal den Beamten raus)
aus seiner Tiefe des Verlieses
doch noch ins Licht der Welt hinaus.

Das war in dem Fall ‘ne Terrasse,
vom Regen noch ganz blank und rein –
in meine offne Kaffeetasse
ergoss sich nun der Sonnenschein.

Und auch der grad noch ausgeschlossen,
der Blick auf eine blaue See,
ich hab besonders ihn genossen,
weil ich auf Unverhofftes steh.

Vor allem aber, weil er heute
zum letzten Mal für lange Zeit
mich mit dem schönen Flair erfreute
der Anmut und der Heiterkeit.

Vertreibung aus dem Paradiese
für morgen Abend fest gebucht:
Ein Kerl, der auf der Wolkenwiese
das Weite Richtung Norden sucht.

Eine kleine Nachtmusik

Eine kleine NachtmusikMan geht hier nicht auf Sammetpfoten,
dass seinen Nachbarn man nicht stör,
nein, eher laut, um auszuloten,
wie strapazierbar sein Gehör.

Soeben, um gleich zu belegen,
dass dies fast pausenlos passiert,
versucht’s mit dumpfen Trommelschlägen
ein Musikus, der dilettiert.

Und da grad Freitag und die Leute
auf Muße sich und Ruhe freun,
behämmert folglich er sie heute
zur stillen Stunde so ab neun.

Ach, könnte man von Kunst noch sprechen,
von einem seelischen Ertrag –
ich würde alles unterbrechen
für so ‘nen Haydn-Paukenschlag!

Doch dieses brummig Monotone
aus einem Kessel, der verkalkt,
erinnert mehr an ‘ne Matrone
die wütend ihre Wäsche walkt.

Bewundrungswürdig bleibt indessen,
dass wer da so viel Puste hat,
um durchzudrummen selbstvergessen
die Nächte ohne Notenblatt!

Kommt ihm die Kraft aus dieser Lehre,
die irgendwo bei Engels steht,
dass Quantität sich stets verkehre
mit einem Mal in Qualität?

Und dass er nur noch trommeln müsse,
so lange was der Klöppel hält,
bis ihm, o Gipfel der Genüsse,
der Grammy vor die Füße fällt?

Ich denke, solche Ambitionen
hat der verehrte Nachbar nicht –
der Spaß am Spiel schon wird ihm lohnen,
wofür sich mancher Ruhm verspricht.

Und dass zur Übung auserkoren
die Nachtmusik er sich speziell,
liegt sicher ringsum an den Ohren
mit dem geschulten Trommelfell.

Salz und Souvenir

Las SalinasDas Bröckchen kommt mir ständig zu Gesichte,
es liegt ja zünftig auf dem Küchentisch.
Wollt ihr sie hören, Freunde, die Geschichte?
In Ordnung, weiter mit dem Wisch!

Erinnert euch, dass ich mit Engelszungen
vom Urlaub mal im Herbst euch vorgeschwärmt:
“Reibt rau der Atem sich schon in den Lungen,
dann in die Sonne, wo sie wärmt!“

Das war im letzten Jahr erst, im Oktober,
ein kühler Sommer regenreich zerrann.
Im Laub der alte Wettstreit Gelb – Zinnober,
der gar bei Feuchte Glanz gewann.

Da griff ich mir, wie‘s heute heißt, ’nen Flieger
und ließ zu diesen Inseln mich kutschiern,
wo die Teutonen heute noch als Krieger
beim Trinken Kampfkraft demonstriern.

Mallorca, diese Walstatt ist Legende!
Und dann, kurz vor der Landung, da, Es Pla!
So weit, so eben liegt es, dies Gelände,
das Mühlentuch zum Greifen nah!

Ich will mich in Details nicht groß verlieren.
Nur so viel: dass ich mehr als Sonne fand.
Auch einen Christus übers Leid sinnieren,
gesehen von Murillos Hand.

Glyzinien, die in wogenden Kaskaden
den lila Gischt der frischen Blütenzier
von Giebeln stürzen ließen und Fassaden
als duftig-fließendes Spalier.

In luft’ger Höhe über flachen Fluren
die Blicke ohne Halt und Horizont
herab von Hügeln, die auf steilen Spuren
nur zickzack man erklimmen konnt.

Und tief in Täler eingestreute Städte,
Gelegen gleich in ihrem warmen Nest,
wenn auch die Sonne dort, zumal die späte,
als Schatten sich nur blicken lässt.

Und nicht zuletzt auch, Eingangstor zum Meere,
die seichte brackig-grüne Wüstenei –
Salinen, dass die Woge sich entleere
und sich von Bitternis befrei.

Zu Haufen aufgetürmtes Salz in Massen
wie anderswo die Kohle, wie der Sand,
kompakter nur und rauer anzufassen,
glitt man darüber mit der Hand.

Und weiß wie Schnee, der, eben erst gefallen,
vom Schmutz der Welt noch völlig unberührt,
millionenfach mit glitzernden Kristallen
die Glut vereister Kräfte schürt.

Da hab ein Stückchen ich herausgebrochen,
so winzig, dass es kaum ins Auge fiel,
und dran geleckt, getastet und gerochen,
entdeckerfreudig infantil.

Gab es als Salz sich klar auch zu erkennen,
noch unzerkörnt zur bess’ren Löslichkeit,
mocht’s auf der Zunge doch nicht brennen
so typisch, dass man’s von sich speit.

Mit milder Würze hat es sich empfohlen,
mit einer Prise auch von Wind und Tang,
wie eine Meeresfrucht, die einzuholen
man in der Wogen Seele drang.

Nun wisst ihr, wie die Dinge sich ergeben.
Da liegt es nun, das krude Souvenir.
Ach, könnt ich öfter solche Schätze heben,
als sie zu schildern auf Papier!

Es Pla. Es Trenc. Glyzinienwogen,
ein Christus, klaglos, leidgebeugt.
Und Dörfer, übern Hang gezogen,
der frühe Schatten säugt.

Auf jähen Kuppen Klostermauern.
Ein Adler, schwebend, überm Kliff.
Verstaubte Städtchen, die versauern,
des Gottverlassnen Inbegriff.

Cala Estany: Wellen pressen
sich durch das enge Felsentor.
Und dann der Sturm da, unvergessen,
wie Gischt zum Himmel schoss empor!

In diesem Klümpchen Salz gefangen,
wie ein Insekt im Bernstein ruht:
Opak, von vagem Weiß verhangen,
die Insel als Geschenk der Flut!

Singreiter

Singreiten.2Da singt doch wer im Hintergrunde?
Ich hob das Haupt und lauscht gespannt
und sah auch kurz, wie weit zur Stunde
der Sonne aktueller Stand.

Die segelte schon etwas trüber
durch den verblichenen Azur,
dass Mittag sicherlich vorüber
nach dieser goldnen Himmelsuhr.

Doch der Gesang vom Straßenpflaster
macht unterdessen sich schon rar,
dass ich, nicht frei vom Neugier-Laster,
mit einem Satz am Fenster war.

Und kriegte diese Kavalkade
noch auf den letzten Drücker mit:
Fünf Caballeros, Hut, Pomade,
im Sattel auf ‘nem Herrenritt.

Und lauthals gab der Tete-Reiter
das Motto dieser Reise vor
und trieb sein muntres Trüppchen weiter
als singender Tambourmajor.

Ein Weilchen hörte ich noch hallen
der Hufe Schläge auf dem Stein
von Pferden, die in Trab gefallen
in raschem Rhythmus Bein für Bein.

Und in dem Maß, wie sie entschwanden
und in der Ferne sich verlorn,
kam auch dies Liedchen mir abhanden,
aus des Flamenco Geist geborn.