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Kommando

Kommando„Und jetzt: Das Ganze stillgestanden!
Und rührt euch!“ (Mal auch: Schnarchverein!).
So macht er nach und nach zuschanden
die Bänder, die ihm Stimme leihn.

Doch sollt den Burschen ich benennen,
der sich den Unterhalt erbrüllt,
und mag ich noch so sehr drauf brennen,
mein Brägen sich in Schweigen hüllt.

Ich kenn ihn nur vom Hörensagen.
Ich war nicht Schütze Arsch beim „Bund“.
Hier steht’s (ich habe nachgeschlagen):
Spieß, Schleifer oder Säuselmund.

Die frischen nimmt er, die Rekruten
ins martialische Gebet
und lässt sie in der Mangel bluten,
die er mit wilder Wollust dreht.

So als Sadist und Leuteschinder
prädestiniert für die Armee,
so wär er auch, mit Frack und Binder,
ein Wirtschaftsboss von Kopf bis Zeh.

Wo liegt der Unterschied beim Drillen?
Sei es das Heer, die Industrie –
a) geht’s drum, Konkurrenz zu killen,
b) um die Menschmaschinerie.

Denn nur wenn man zum Aufbegehren
den Willen erst einmal zerstört,
die Lämmer Macht und Reichtum mehren
der wen’gen, denen viel gehört.

Doch will ich nicht vom Thema weichen.
Mir ist’s um den Profos zu tun,
in dessen Kehle ohnegleichen
vulkanisch die Befehle ruhn.

Die kann er aus der Hüfte schießen
fast ohne Ansatz, piff und paff,
dass deshalb längst schon nicht mehr sprießen
die Gräser im Kasernenkaff.

Kann jemand größ’rer Machtentfaltung
sich rühmen auf der weiten Welt?
Von andern fordern Form und Haltung,
dieweil man selbst wie’n Köter bellt?

Was für ein Nichts, das aufgepustet
(dem Ochsenfrosch gleich bei Äsop)
den Rest Verstand schon weggehustet
aus seinem Weichhirnbiotop!

Und doch, man schämt sich, es zu sagen,
Symbol für unsre Wirklichkeit:
Des Daseins größtes Wohlbehagen
blüht dem, der alles überschreit!

Nicht Wissenschaft und Nächstenliebe,
die so viel Gutes tun auf Erd’,
nein, dieses lärmende Getriebe
von Show, Pop, Sport ist Goldes wert.

Doch eben nur für kurze Dauer.
Das Leben hält nicht ewig vor.
Und selbst so’n Prolo, selbst so’n Bauer
zirpt irgendwann im Käferchor.

Das wird dem Schreihals gar nicht munden –
‘ne Friedhofsecke, still und stumm;
und die er grade noch geschunden,
die trampeln nun auf ihm herum!

Wahrheiten

Wahrheiten„O saeculum, o litterae,
es ist ‘ne Lust, in dir zu leben!“
Wenn ich die Frontfrau recht versteh,
soll’s überall nur Wohlstand geben!

Doch mag sie’s ständig auch beteuern
in zwanghaft psychopath’scher Art,
sie kann auf Dauer nicht bescheuern
ein Volk, das sich Verstand bewahrt.

Was schenken uns die nackten Zahlen,
gesammelt vom Statistikamt?
Der Wahrheit Beigeschmack, den schalen,
der nicht der Heuchelei entstammt.

In diesen gottverdammten Jahren,
da diese Rotte uns regiert,
hat ohne Scham man an den Haaren
Gewinne nur herbeizitiert

Um so den Eindruck zu erwecken,
als kämen jedem sie zugut,
obwohl doch nur die Reichen stecken
den Beutebruch sich an den Hut.

Heißt: Zehn Prozent in diesem Laden
haben’s so dick wie Dagobert
und können in ‘nem Pool sich baden,
der ‘s halbe Volksvermögen wert.

Und wie in diesem Pfuhl gestiegen
des Eigners warmer Wasserstand,
so mussten nasse Füße kriegen
die armen Schlucker um den Rand.

Die Fakten! Doch die Akrobaten,
die uns mit allen Tricks regiern,
jonglieren gerne mit den Daten –
und manche ganz eskamotiern.

(Das mag die Frontchristfrau entlasten,
so war es immer ja schon Brauch –
und sie dreht nur den Leierkasten
wie ihre Vorklugscheißer auch.)

Der Abstieg für die große Masse:
negiert, verschwiegen, Asche drauf!
Wer eh schon hat, macht weiter Kasse.
Wer eh nichts hat, der füllt sie auf.

Wie’n Warenhaus, nicht auszumalen!,
das alles führt und alles hat,
und wo die Armen doppelt zahlen
und für die Reichen gibt’s Rabatt!

Die ahnungslosen brechtschen Kälber,
die blindlings ihrem Schlächter traun,
wann merken sie denn endlich selber,
dass die sie nur in Stücke haun?

Ach, einmal wird es ihnen dämmern,
dass alles nur ein schöner Schein
und sie die Ob’ren nur behämmern
mit ihrem Tarn-Politlatein.*

(*Die Kälber werden weiter trotten
‘ne Weile wohl noch dämlich hier,
doch mag man ihrer Schwäche spotten:
Sind sie nicht eines Tages Stier?)

Denn abgesteckt sind schon die Trassen,
die Weichen lange schon gestellt,
dass künftig wen’ge mehr noch prassen,
die Mehrheit mehr ins Elend fällt.

Der lange Marsch der Billiglöhne
kommt ja im Alter einst zur Ruh –
dann, Rententöchter, Rentensöhne,
drückt’s richtig euch die Gurgel zu!

Die Armut weiter auszubreiten,
gelingt perfekt dem Hohen Haus –
und stellt ihm selbst für alle Zeiten
das beste Armutszeugnis aus!

Warum indes die ganzen Lügen?
Der vielen Stimmen wegen nur,
die’s braucht, die Leute zu betrügen
‘ne weitere Legislatur?

Wenn so auf Kreuze sie versessen,
auf ew’ges Herrschen wohl bedacht,
wie können sie dann nur vergessen,
dass auch Freund Hein gern Kreuze macht?

Barbier

BarbierEr ist Friseur und kennt die Welt.
Mit wem hat er nicht schon geplappert!
Die Strähne, schnipp, die Locke fällt.
Er labert und die Schere klappert.

Politikern geht er ans Haupt.
Da muss er immer fix was schneiden.
Mit ihnen redet er geschraubt.
Die hohen Herren mögen’s leiden.

Für Künstler gilt ein andrer Stil.
Die lassen gern die Mähne flattern.
„Nur Spitzen kürzen, doch nicht viel!“
Mit ihnen auch gebüldet schnattern!

Und ja mit den Poeten bloß!
Da muss man seine Worte wägen.
Doch nach der Art des Figaros
ist er um diese nicht verlegen.

Mal hat er auch ‘nen Musikus,
womöglich gar ‘nen Dirigenten,
den just er so beschneiden muss
wie jene Strophe-3-Patienten.

Wie rhythmisch regt er dann die Hand –
als ob er einen Taktstock schwänge.
Und säuselt süßlich im Diskant:
„Gewiss, nur wenig von der Länge.“

Da bricht ein Sänger ihm ins Haus,
der röhrt sich jetzt durch alle Sender.
„Nur färben. Alle Töne Blaus!“
Gebalz mit einem Sechzehnender.

Hat er nicht sogar schon toupiert
den – Diskretion, nur Zaunpfahlwinken! –
Den X, der seinen Skalp verliert
in so ‘nem alten Cowboy-Schinken?

Dazwischen aber, welch Kontrast,
des Handwerks rühriger Kollege –
ein biedrer Bäcker, der nicht passt
in dieses Große-Tier-Gehege.

Was der für kleine Brötchen backt!
Na ja, nicht jedem kann’s gelingen.
„Heut tüchtig Mehl schon eingesackt?“
Die Blicke kreuzen sich wie Klingen.

Ach, könnt er doch dem Meisterbrief,
da an der Wand dem Dokumente,
den Zusatz geben: „Und aktiv
in Sonderheit für Prominente.“!

Da mondgleich jene er umkreist
den lieben Tag mit Kamm und Schere,
was Wunder, dass er selber gleißt
im Glanz geborgter Künstlerehre!

Von Kopf bis Fuß ist er gestylt.
Ein Kunstwerk, das auf Stelzen wandelt.
Und modisch weit vorausgeeilt
den Herrn, die haarig er behandelt.

Wenn einer so durchs Leben springt
und sich nicht sorgt ums sel’ge Ende,
was, wenn das Totenglöckchen klingt,
dass es ihm Grabesgrüße sende?

Wird er wie wer, der distanziert
bewertet seines Daseins Nutzen,
nur achselzuckend resigniert
und ohne Wort die Platte putzen?

Er wird zum letzten Mal sich schönen,
ein Eauchen da, ein Gelchen hier,
und sterbend wie einst Nero stöhnen:
„O welch ein Künstler stirbt mit mir!“

Und dann der Grabstein, groß, gediegen.
Darunter leiht ihm nun Gehör
Gewürm. Geduldig und verschwiegen.
Was will man mehr als Coiffeur!

Manager

Manager2Natürlich immer schick in Schale.
Die Wangen glatt und gut gebräunt.
Krawatte: strenge Vertikale.
Und sportlich fit. Kein Tabakfreund.

Daran gewöhnt, zu kommandieren.
Wo nötig, auch mal mit Gekläff.
Sein Hobby ist das Bilanzieren.
Man sieht: Von Kopf bis Fuß ein Chef.

Dass, spitze er an Rang und Gage,
auch baulich stets am höchsten hock,
liegt seine Residenzetage
dem Himmel nah im letzten Stock.

Und näher auch den Göttersphären
als dem Portier und dem Pedell
und all den Klammern, Heftern, Scheren
vom unteren Gehaltsmodell.

Wer’s wagt indessen vorzudringen
bis an den heiligen Bezirk,
muss erst die Sekretärin zwingen,
dass Audienz sie ihm erwirk.

Da kann man allerdings verschimmeln.
Denn darauf ist sie ja geeicht,
zunächst mal alles abzuwimmeln:
„Nicht heut, nicht morgen. Doch vielleicht…“

So weiß den Nimbus er zu wahren.
So hält er alle auf Distanz.
Im Äther thront er hoch, im klaren.
Und unter ihm der Rattenschwanz.

Büro, gewiss, mit Großraummaßen.
Gestühl und Schreibtisch exquisit –
was Gästen, die da schon mal saßen,
gediegenen Geschmack verriet.

(Und weil ein solcher Wirtschaftsführer
nicht wie’n Banause haust im Loch,
hängt da die „Sternennacht“ von Dürer
sowie der „Hase“ von van Gogh.)

Versteht sich aufs Repräsentieren.
Füllt Räume, wo er geht und steht.
Wird nie den Überblick verlieren.
Geborene Autorität.

Im Wellenschlag bewegter Zeiten
wie’n Kapitän auf seinem Schiff.
Die Kurse lässt er nicht entgleiten –
er hat den Laden fest im Griff.

Und wie der Alte auf der Brücke
bestimmt er seiner Crew Geschick:
den einen zum Beförd’rungsglücke,
den andern zum Karriereknick.

Wie’n Gott kann schalten er und walten.
Die Firma macht vor ihm Kotau.
Kritik nur heimlich und verhalten.
(Erlaubt nur der Vorzimmerfrau.)

Lässt sich im Leben mehr erwerben
als Status, Kompetenz, Respekt
und Wohlstand, den man seinen Erben
als Bonus in die Wiege steckt?

Wie lange hat er sich geschunden,
bis er auf diesem Gipfel stand –
und manchmal auch verflucht die Stunden,
da er so hoch sich einsam fand!

Und schaut in seltnen Augenblicken
er fragend auf die Lebensuhr,
dann zeigt sich, dass in ihrem Ticken
zerrann auch seiner Jahre Spur.

Erfolg, die Leib- und Magenspeise,
die ihm die Schinderei gewürzt,
was nützt er auf der letzten Reise,
wenn’s Kartenhaus zusammenstürzt?

Zu spät, um noch Bilanz zu ziehen
für eine Revision zur Not.
Bald lässt der wahre Boss ihn knien:
im Souterrain der Tod.

Straßenfeger

StraßenfegerEin Wochentag zur Abendstunde,
und wie im Schlummer liegt die Stadt!
Kein Laut mehr vom asphaltnen Grunde.
Halb neun erst zeigt mein Zifferblatt.

Laternen ihre Hälse recken,
zur Straße biegend ihr Genick,
doch gibt’s da nichts mehr zu entdecken
für ihren trüben Neonblick.

Verschluckt vom Boden die Passanten,
dern Schritte sonst im Dunkel halln.
Wie leergefegt die Bordsteinkanten,
wo sich gewöhnlich Bleche balln.

Fassaden, mit Oasen immer
von Licht im nächtlich-düstren Bau,
erhellt nur hier und da ein Schimmer
von seltsam blutlos blassem Blau.

Die Erde, stets von Wind umflossen,
wie hält sie jetzt den Atem an!
Den Bäumen gleichsam angegossen
die Blätter wie im Zauberbann.

Der Himmel selbst hat sich verschworen
und schweigt in diesem Schweigen mit.
Kein Mond, kein Stern. Nur traumverloren
Gewölk, das auf der Stelle tritt.

Warum, was strotzend sonst von Leben,
wohl dieser Stille heut verfiel?
Nur eine Deutung kann es geben:
Im Fernsehn läuft ein Fußballspiel!

Gut betucht

Gut betuchtNatürlich will seriös er scheinen
und ist dabei ein Modegeck.
Von feinstem Tuch an seinen Beinen
die Hose, die so glänzt wie Speck.

Von herbstlich ahornfarbnem Leder
die Schuhe, die er dazu trägt.
So teure Botten hat nicht jeder –
ob er mit Mandelmilch sie pflegt?

Krawatte, klar. Von reiner Seide.
Doch nicht zu knallig, eh’r gedeckt.
Das Sakko auch ‘ne Augenweide.
Und sitzt, wir ahnten’s schon, perfekt.

Das sind die Unvollkommenheiten,
die heut ihm rauben nicht die Ruh,
doch in den alten, bessren Zeiten
gehörten Stock und Hut dazu!

Ach, ich vergaß, ihn vorzustellen:
Ein Herr*, der in Geschäften macht –
von toten Leopardenfellen
bis zu lebend’ger Menschenfracht.

(*Hier ist mit lebenden Personen
die Ähnlichkeit ja so frappant,
und sind doch ihrer auch Legionen,
dass sie mit Namen nicht genannt.)

Gern handelt er auch mit Papieren,
dern Steig’rung er an Wert verheißt,
und wenn sie diesen just verlieren,
er andre umso lauter preist.

Auch Landesfrüchte armer Staaten
sind ihm Objekt, zu spekuliern,
Garanten schöner Zuwachsraten –
auch derer, die im Dreck krepiern.

Doch zweifellos die Top-Rendite
erzielt er mit ‘nem Waffendeal –
so’n Panzer ist die halbe Miete
fürn Park- und Protzerdomizil.

(Gewissensbisse ausgeschlossen.
Er schläft so ruhig wie ein Kind:
Geht nicht die Lief’rung von Geschossen
an Länder, die (noch) friedlich sind?)

So scheffelt er sich die Millionen,
mit denen er Millionen kränkt –
und weiß, das Vaterland wird’s lohnen,
indem es ihm die Steuern senkt.

Kotau der Ober-Ignoranten
vorm Fetisch Unternehmergeist:
Des Volks bekreuzte Abgesandten
genauso dumm wie jener dreist.

Im schönen Aufputz einer Würde,
die ihm des Schneiders Elle maß,
nimmt leichter er so manche Hürde
und gibt geschäftlich richtig Gas.

Nach außen eine weiße Weste
aufs rabenschwarze Herz gepappt,
so zeigt von sich er nur das Beste –
und, Teufel auch!, der Schwindel klappt!

Der allerschlimmste Menschverächter,
den irgend man sich denken kann,
maskiert sich so zum Tugendwächter
und ordensreifen Biedermann.

(Nur halb ist schuldig er zu nennen,
wenn er so gierig rafft und raubt,
da ja, von dem wir Gleiches kennen,
der Staat die Schandtat ihm erlaubt.)

Kann zur Räson man jemand bringen,
des edle Seelenkräfte ruhn,
und Maß in Dingen auch erzwingen,
die nicht mit Stich und Stoff zu tun?

Natürlich nicht. In seiner Wiege
schon lag der zierlich kleine Colt,
dass mit Gewalt er einmal kriege
des Erdennachbarn Geld und Gold.

Und dies ihm aus dem Sinn zu schlagen,
die Welt nicht über sich gewann:
Mit offenkund’gem Wohlbehagen
sah als den Ihren sie ihn an!

Ach, blind geboren, blind gestorben.
Nur schade, wenn sein Leben flieht,
dass, den er „redlich“ sich erworben,
den Marmorstein er nicht mehr sieht.

Stets korrekt

Stets korrektWir werden uns daran gewöhnen,
dass anders oft als James er heißt,
und einen Mangel nicht bestöhnen,
der selbst ihn nicht vom Hocker reißt.

Zumindest weiß der kluge Leser
bereits, um wen es heute geht:
Just um den Haus- und Leibverweser
der hohn und niedren Majestät

Den Butler. Mal die Augen schließen:
Was für ein Bild stellt sich da ein?
Ein Frack, um Whisky einzugießen?
Ein Handschuh, weiß wie Elfenbein?

Genau. Indes nur äußre Zeichen
von unbewusstem Seelenleid –
sich stets vergeblich zu vergleichen
mit der erlauchten Fürstlichkeit.

Und da ihm Adel und Vermögen
nun mal gegeben nicht von Haus,
gleicht mit der Art, der nobel-drögen,
den Fehler der Geburt er aus.

Nicht ohne gleich zu übertreiben:
So vornehm ist sein Habitus,
dass den ‘nem König zuzuschreiben
man reiflich sogar zögern muss.

Die fleischgewordene Noblesse!
Genäsel mit Accent aigu!
Ein Mensch, der wohl gar Brunnenkresse
noch filetierte zum Menü!

Und wirkt unendlich überlegen
so leicht blasiert und unterkühlt,
dass man trotz Mantel, Hut und Degen
sich irgendwie erbärmlich fühlt.

Nun, kommt wer, der in solchem Maße
sich der Vollendung schon genaht,
wie Hinz und Kunz einst von der Straße
des Lebens auf den Höllenpfad?

Klar. Doch bemüht, dass er bewahre
auch Contenance im Totenkleid.
Und wirklich: Jetzt erst auf der Bahre
der letzte Grad der Vornehmheit!

Ein Treffen

Ein TreffenErfrischend, diese Abendkühle!
Wir saßen draußen vorm Lokal.
Die letzten beiden freien Stühle;
na bitte, Glück gehabt noch mal!

Das Plätzchen war nicht zu verachten.
Kaum eingenommen, schäumte Bier.
Und auch den Hunger wir bedachten,
mit Würstchen gut zu stillen hier.

Die Backen hatten was zu beißen,
die Kehle blieb nicht unbenetzt.
Wir mussten uns kein Wort entreißen –
ham munter darauflos geschwätzt.

Kein Wunder. Alte Amtskollegen
sahn wieder sich nach langer Zeit,
da sie des Ruhestandes Segen
vor Jahr und Tag vom Dienst befreit.

Bis auf die üblichen Wehwehchen,
die teilnahmsvoll wir ausgetauscht
(er seine Kur, ich mein OPchen),
ward uns nur Gutes abgelauscht.

Berichte etwa über Reisen
von Singapur bis Hadramaut –
Exotik würzte unsre Speisen,
so heimisch wie das Sauerkraut.

Das Treffen war total gelungen.
Die Straße auch trug dazu bei,
obwohl da manchmal schrill geklungen
das Martinshorn der Polizei.

Ein letzter Schluck. Die Rechnung bitte!
Der netten Kellnerin ade!
Und noch mit halbwegs festem Schritte
vom Beisel raus auf die Allee.

Da trennten bald sich unsre Wege.
Ich nahm den Steindamm, er die Bahn.
Und weitertappend, satt und träge,
sah ich das Unglück auch schon nahn!

Erst die beklagenswerte Puppe,
die honigsüß mich angemacht,
und der ich sagte, bist mir schnuppe,
doch höflich: „Nein, nicht heute Nacht.“

Dann lag wer, Beine angezogen,
direkt in einem Hauseingang,
vom Rausch um jenes Bett betrogen,
in das er sonst sich immer schwang.

Stück weiter und noch jung an Jahren
‘ne Bettlerin, die ‘n Becher streckt
vom kalten Pflaster – ein Verfahren,
das, hofft sie, noch mehr Mitleid weckt.

Dies das Quartier, das wir uns teilen:
Hier Menschen, sorglos im Genuss,
und um zwei Ecken, Häuserzeilen:
die nackte Not im Überfluss.

So hocken Seite wir an Seite
auf Erden hier in einem Boot
und teilen unsres Sitzes Breite –
warum nicht endlich auch das Brot?

Jacke wie Hose

Jacke wie HoseWenn’s stimmt, dass Kleider Leute machen,
dann ist die Folgerung nicht weit,
dass die, die schneidern solche Sachen,
Personen von Bedeutsamkeit.

Und mehr als denen, die nur schneidern,
muss jenen man Bewundrung weihn,
die diesen hochsozialen Kleidern
gestaltend Form und Pfiff verleihn.

Die sind gerade nicht bescheiden
bezüglich ihrer Profession,
indem sie in das Wort sie kleiden
vom „Schöpfer“: Gottes Kollektion!

Und göttergleich sie auch regieren
wie Hirten übers liebe Vieh,
wenn Jahr für Jahr sie uns diktieren
Gesetze wie vom Sinai.

Wohl oder übel heißt es kuschen,
wenn so eins wieder mal ergeht
und uns vom Hut bis zu den Puschen
zum Paradigmenwechsel rät.

Es wär ja auch kaum auszudenken
(ist nicht der Ochse auch ein Beau?),
die schöne Chance zu verschenken,
sich zu erneuern comme il faut!

Ja, die besagten Modezaren
sind auch in Menschenkunde fit
und machen mit den Fummelwaren
entsprechend ihren guten Schnitt.

Was sie auch gerne demonstrieren,
indem sie selbst in bestem Tuch
wie auf dem Laufsteg paradieren
so wie Hansnarr im Märchenbuch.

Gestylt bis in die Fingerkuppen,
von allen Düften Punts durchtränkt,
sind sie so echt wie jene Puppen,
auf die man die Entwürfe hängt.

Die haben wahrlich nichts begriffen,
die freun wie Kinder sich an Tand
und fühln sich in den Arsch gekniffen,
nennt „Kreation“ man schlicht „Gewand“.

Und weil sie die Klamotten schustern,
für eine lumpige Saison,
ham sie die Stirn, sich aufzuplustern
wie’n Gigolo im Tanzsalon.

Doch kann der Finger unten bleiben,
zu mahnen sie an Ziel und Zeit:
Entlarvt es sich nicht selbst, ihr Treiben,
im Doppelsinn der Eitelkeit?

Hüter des Hauses

Hüter des HausesEine der mächtigsten Gestalten,
die wandeln wohl auf Gottes Erd,
ist jener Meister, dessen Walten
so manches Haus das Fürchten lehrt.

(Auf dass man einfach nur vereine
die Substantive sechs und vier,
zu wissen, wen ich damit meine:
Capito? Also weiter hier.)

Meist ist er unscheinbar gekleidet,
begnügt sich mit ‘nem grauen Ton,
weil, denkt er, man ihn eh beneidet
um seine prächt’ge Position.

Er muss auch keine Waffen tragen,
‘n Hammer und ‘ne Zange langt,
die Übel aus dem Feld zu schlagen,
an denen so ‘ne Klitsche krankt.

Wie Petrus an der Himmelspforte
schwenkt er zudem ein Schlüsselbund,
indes als englische Eskorte
ihm dient ein deutscher Schäferhund.

Samt diesen Amts- und Würdezeichen,
mit denen er verwachsen scheint,
sieht man ihn durch die Gänge schleichen,
den Zerberus kurz angeleint

Dass wie ein Polizist auf Streife,
der wachsam seine Runde geht,
im Treppenhaus er seine Schleife
des öfteren am Tage dreht.

Ist er nicht auch ein Ordnungshüter
und stets bereit, sich zu empörn,
sobald rebellische Gemüter
den Frieden im geringsten störn?

Dazu steckt er die Schnüffelnase
nach Möglichkeit in jeden Bau
und kennt vom Opa bis zur Base
den ganzen Stammbaum haargenau.

Und keine Kiste und Kommode,
entgeht dem Kuckuckskleberblick,
er weiß, was gut ist und marode
und wer es dünn hat oder dick.

Ein typ’scher Fall von Herrschaftswissen.
Er kennt zwar nicht den Terminus,
doch kann er ihn auch gerne missen –
er weiß ja, was er wissen muss.

Frau Meier, tach. Wo ich Sie sehe,
erklärn Se mal dem Sohnemann,
dass er da in der Haustürnähe
sein Rad nicht stehen lassen kann!

Und tagte da bei Ihnen gestern
vielleicht der ganze Sparverein?
Ich sitz gemütlich vor ‘nem Western
und denk, gleich stürzt die Decke ein!

Mit Müllers hab ich schon gesprochen,
die warn darüber auch nicht froh,
ham ihr Canasta abgebrochen.
Das sach ich Ihnen nur mal so.

Nicht lange um den Brei rumreden.
Nur immer herzhaft und direkt.
So zieht er munter seine Fäden,
auch wenn’s der Nachbarschaft nicht schmeckt.

Das gilt besonders für die Kinder,
dern harmlos-unbeschwertes Spiel
als Regel- und Verbotserfinder
zu störn ihm immer schon gefiel.

Woraus im Weitergang zu schließen,
dass gern er auf die Schwächsten drischt,
um eine Stärke zu genießen,
die nicht an Stärkeren erlischt.

Doch wird auf ewig es so bleiben,
dass er so herrscht, so unbeschränkt?
Bald wird man einen Nachruf schreiben,
der seiner „herzensgut“ gedenkt.

Dann weilt er schon in Minos’ Höhle,
im Labyrinth der Unterwelt,
gespenstisch wandernd mit ‘ner Töle,
die nur noch wie ein Schatten bellt.