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Vor dem Sturm

Vor dem SturmNoch liegt die Stadt im schönsten Frieden,
an dem nicht mal ein Lüftchen nagt,
und weiß nicht, was ihr gleich beschieden,
denn Sturm ist angesagt.

Schon hörte mehrmals ich die Schüsse
als Warnung dumpf vom Hafen her,
dass der Nordwest jetzt in die Flüsse
entfesselt peitscht das Meer.

Vertäut die Schiffe und die Schuten!
Und alles aus der Gegend raus,
die flach genug, zu überfluten,
ersäufend Mann und Maus!

Und schließt die Fenster und die Türen,
dass sie an Böen nicht zerschelln,
die Salz als Treibgut mit sich führen
und hohl wie Geister gelln!

Noch liegt die Stadt im schönsten Frieden,
doch glaubt mir, dieser Schein, er trügt:
Durchs Marschenland der Hesperiden
Okeanos sich pflügt!

Und wälzt, sich auf- und niederbäumend
wie ein Reptil in blinder Wut,
das Maul von Gift und Galle schäumend,
hammoniawärts die Flut.

Ich aber bleibe unerschrocken,
hock ich doch sicher auf der Geest,
in jedem Falle hoch und trocken,
wie stürmisch es auch bläst.

Der trockne Riesling, den ich trinke,
soll mir ein gutes Omen sein,
dass, wenn ich wirklich denn versinke,
in Fluten nur von Wein.

Wochenendbetrachtung

WochenendbetrachtungDas Wochenende voll in Gange.
Gleich ist der Samstag schon vorbei.
Kein Stau mehr, keine Autoschlange.
Die Straße wieder abgasfrei.

Entblößt das Pflaster von Passanten.
Man hörte, wenn ‘ne Nadel fällt.
Auch Möwen ha’m und Turteltanten
den Flugbetrieb schon eingestellt.

Ganz still seh ich auf Reede liegen
nach stundenlanger stürm’scher Fahrt
und sich in süßen Träumen wiegen
des Tages dunklen Widerpart.

Dies alles würd ich nicht erwähnen,
würd ich in Versen nicht beschwörn,
ging’s nur um die bekannten Szenen,
die wir seit Olim sehn und hörn.

Nein, was dem unscheinbaren Heute
im Dichterauge Glanz verleiht,
ist, dass des frechen Frühlings Beute
er wiederbringt: geraubte Zeit.

Die Stunde, die er uns gestohlen,
dass ihn mehr Tageslicht erquick,
gelang es nun zurückzuholen
dem Herbst. Und zwar mit diesem Trick.

Man muss der Uhren Zeiger drehen
entgegen ihrem eignen Sinn;
so weit, wie sie dann rückwärts gehen,
so weit ist auch der Zeitgewinn.

O könnte man doch dies Verfahren
auch für den Menschen patentiern,
so dass von seinen Lebensjahren
die unerwünschten sich verliern!

Dann sei sein Sommer gern zu Ende,
sein Scheitel schütter und entlaubt,
sei’n lederhäutig seine Hände
und seine Ohren fast ertaubt.

Dann mag sein Auge gern bemühen
der Brille ungebrochne Kraft,
sein Blut ihm in den Schläfen glühen,
wenn er mit Not die Treppe schafft.

Mag ihm die Seele schon entweichen
aus seinem röchelnd offnen Mund:
Er lässt ein Zifferblatt sich reichen,
stellt sich zurück zum jungen Spund!

Sollt wirklich einst der Geist erhellen
so’n Dreh für ‘nen flexiblen Leib,
dann wär gewiss das Uhrenstellen
des Menschen liebster Zeitvertreib.

Vom Musenhügel

Vom MusenhügelVon meiner Stube Musenhügel
kann alles gut ich übersehn –
den rechten und den linken Flügel
des wackren Pegasus, auch den.

Dazu die andre Straßenseite
mit graugansgrauer Häuserfront,
die jetzt auf ihrer ganzen Breite
nur von Laternen noch besonnt.

Darüber einen trüben Himmel,
der sich wer weiß bis wohin dehnt
und ohne alles Sterngewimmel
sich endlos in den Schlummer gähnt.

Ein Flugzeug auch, das hin und wieder
sich brummend durch die Lüfte blinkt
und das wohl gleich am Airport nieder
auf seine Gummiknie sinkt.

Friseursalon, Matratzenladen,
die bunten Brauen einer Bar:
Der Unterbau von Hausfassaden,
wie er schon immer üblich war.

Wie wünschte ich es aufzunehmen
mit allem, was sich rings mir naht;
doch statt dass Universen kämen –
nur eine Welt im Zwergformat.

Enttäuschend, wenn die Muskeln schwellen,
wenn sich die Faust aufs Dreschen freut
und markig schon die Verse gellen
vom Blatt als Psychotherapeut!

Doch werd ich mich wohl besser halten,
rückt keine Streitmacht auf mich vor.
Wich mancher nicht schon den Gewalten,
die eitel er zum Kampf beschwor?

Hausnachbarn

HausnachbarnIm dritten Stock, da steckt die Bude,
die ich seit Olims Zeit bewohn.
St. Georg und nicht Winterhude,
was das bedeutet, wisst ihr schon.

Ein Mietshaus. Und ‘ne Menge Leute,
die es wie mich hierher verschlug.
Ich weiß nicht, ob es wer bereute –
es fluktuiert indes genug.

Doch einige sind auch geblieben
am Standort zwischen Bahn und Strich,
dass, auch wenn’s nicht aufs Schild geschrieben,
ich sie doch kenne namentlich.

Ja, von dem einen oder andern,
da weiß ich sogar, was er treibt.
Was man beim Treppenhausdurchwandern
sich halt so untern Zinken reibt!

Mein Nachbar grade gegenüber
ist Archivar und diplomiert,
und, werden auch die Zeiten trüber,
nicht bang, dass er den Job verliert.

Und über mir in der Etage,
die’m Pantheon am nächsten liegt,
ein Mime, der auch seine Gage
schon mal für Fernsehrollen kriegt.

Daneben Typen, die studieren
was weiß ich welche Fakultät
und mit dem Fahrrad rumkutschieren,
das andernfalls vorm Keller steht.

Von mir wird sicherlich man wissen,
dass ich vom Staat mein Geld gekriegt,
mein Haupt jedoch im weichen Kissen
des Ruhestands inzwischen liegt.

Nichts davon, dass den Pferdefimmel
ich weiter beibehalten hab
und jetzt nicht mehr des Amtes Schimmel,
doch bring das Musenross auf Trab!

Warum es wem auch offenbaren,
mit dem ich hause Wand an Wand?
Gilt der Prophet seit tausend Jahren
doch nicht mal was im eignen Land!

Hausfrieden

HausfriedenWenn manchmal ich nach unten lausche,
streng ich mein Ohr vergebens an,
ja, selbst wenn ich den Platz vertausche,
es haften höchstens Flusen dran.

Auch stethoskopisch abzuklopfen
den ganzen Boden kreuz und quer,
es hieße nur die Muschel stopfen
mit Grabesstille immer mehr.

Kein Pieps dringt hoch aus diesen Zonen
zu mir, der ich darüberhock,
und müssen da doch Menschen wohnen:
die Leute aus dem zweiten Stock.

Die über mir den Raum behausen
mein Hörsinn eher schon ergreift,
wenn dumpf sie übern Teppich sausen,
ein Stuhlbein übern Estrich schleift.

Wenn polternd Gegenstände fallen,
ein Lachen plötzlich schrill erklingt,
wenn Worte hohl wie Echos hallen
und unterm Tritt die Decke schwingt.

Doch sind auch dies nur schwache Zeichen
von Leben, das verborgen bleibt,
als würden da Gespenster schleichen,
gesteifte Laken, die entleibt.

Und ist doch Zelle hier für Zelle
wie bei ‘ner Wabe angereiht,
der Menschen Schlaf- und Futterstelle
in inniger Gemeinsamkeit.

Indessen führen dicke Mauern
um jede dieser Klausen rum,
dass ewig einsam jene kauern,
Gebein im Kolumbarium.

Gelegentlich treff so ‘nen Knochen
im Treppenhaus ich abends spät,
doch kaum zwei Worte noch gesprochen,
herrscht wieder Anonymität.

Kann etwas Fremderes es geben
als diese Nachbarn hierzuland,
die Tag und Nacht zusammenleben
so Tür an Tür und Wand an Wand?

In steinerne Kokons sich spinnen,
unnahbar in der größten Näh,
auf engstem Raume Raum gewinnen –
des Städters Lebens-Abc.

Das mögen finstere Gestalten,
die vor dem Tageslicht sich scheun,
von mir aus für ‘nen Vorteil halten
und fehl’nder Neugier sich erfreun.

Ich aber möchte mehr erfahren
von dem, der meinen Bau hier teilt,
Distanz ein bisschen wen’ger wahren
mehr Lächeln ernten, das verweilt.

Ja, dieses ganze Leisetreten,
sei’s mit den Füßen, mit dem Mund,
es weiche einem offnen, steten
und fröhlichen Bewohnerbund!

Dazu will’s mir am besten scheinen,
ich gehe selbst aus mir heraus –
wenn ich denn treffe irgendeinen
in diesem seltsam stillen Haus.

Drückende Stille

Drückende StilleDes Tages Lärm wie weggeblasen,
Asphalt und Pflaster menschenleer.
In hunderttausend Metastasen
steigt Stille aus dem Häusermeer.

Von keinem Windstoß unterbrochen,
von keinem Seufzer der Natur.
Nur von der Wand ein leises Pochen
im Herzschlag einer Küchenuhr.

Das ganze Haus, es scheint zu ruhen.
Nicht eine Diele, die wo knarrt.
Kein rüder Tritt von Straßenschuhen
fällt auf die Treppenstufen hart.

Was Wunder, dass auch meine Stube
an dieser Stille fast erstickt,
die wie gepresst aus einer Tube
so gelhaft glasig eingedickt.

Ein Lämpchen leuchtet meinen Zeilen
mit seinem Lichte, unbewegt,
um diese Grabesruh zu teilen,
die schwerelos es weiterträgt.

Auch droben, wo die Dächer enden,
füllt Schweigen den gewalt’gen Raum,
hält Zeus, statt Blitze zu versenden,
den Zorn, den göttlichen, im Zaum.

Und diese säckeweise Funken,
die wahllos in die Nacht gestreut:
nichts weniger als feuertrunken,
nein, Glut, die sich der Asche freut.

Da gleitet etwas durch die Sterne:
ein Flugzeug, Reisende an Bord!
Doch lautlos in der großen Ferne;
ein Blinken – und schon wieder fort!

Wenn wenigstens ein Anruf wäre!
Doch auch das Telefon bleibt stumm.
Ich fühl der Stille ganze Schwere –
als Last, nicht als Mysterium.

Bei Einbruch der Dämmerung

Bei Einbruch der DämmerungAuf einmal wieder spinnt der Dämmer
die Welt in seine Schleier ein.
Das feine Vlies der Wolkenlämmer
flammt auf im letzten Abendschein.

Das satte Blau der Mittagszeiten
hat sich mit milch’gem Weiß bespannt,
es hüllt die lichten Himmelsweiten
und liegt wie Gaze auf dem Land.

Die gammlig gelben Häuserfronten
verblassen unter staub’gem Grau.
Wo eben sich noch Steine sonnten,
türmt fröstelnd sich ein Ziegelbau.

Der träge Asphaltstrom der Straße
verflüchtigt sich im Sott der Nacht.
Verschwimmende Konturen, Maße –
es fehlt nicht viel an „Schicht im Schacht“.

Schon blinzeln da und dort auch Sterne
noch müd mit kleinen Augen her,
indes hienieden die Laterne
die Flamme beugt gedankenschwer.

Die Zeiln, die aus dem Pinsel fließen,
verliern sich wo auf dem Papier
und sich dem Blicke auch verschließen,
wenn ich wie blöd nach ihnen stier.

Allmählich aus der Dichterstube
der Rest an Helligkeit entweicht,
dass wie am Grunde einer Grube
mich ahnungsvolle Angst beschleicht.

Dabei lässt alles sich erklären:
Der Tag, er hat sich ausgebrannt –
da muss die Finsternis sich mehren.
Womöglich sogar im Verstand?

Bunte Mischung

Bunte MischungOje, ist der geladen,
spuckt Gift und Galle aus!
Das Blech nahm doch nur Schaden –
und lässt die Sau gleich raus!

Na, manche haben’s eilig,
bei Rot schnell rüber noch.
Schwörn notfalls hoch und heilig:
Die Ampel grünte doch!

Was ist das fürn Gedröhne,
das lärmt ja lichterloh!
Die reinsten Rattertöne –
‘n Hubschrauber, ach so!

Paar Stimmen, die sich zanken.
Ein kleiner Kerl, der weint.
Zwei Zecher, wie sie schwanken
in sel’gem Suff vereint.

Ein Kradler pest die Piste
in irrem Speed dahin.
In Flensburg diese Liste
kommt ihm nicht in den Sinn.

Die muntren Spatzen hüpfen
und schnappen nach Insekt.
Den Hut vor’nander lüpfen
Jurist und Architekt.

Auch zeigt der Mond bisweilen
sein strahlendes Gesicht
und taucht die Häuserzeilen
in mattes Silberlicht.

Es können sich auch freuen
die Gurrevögel hier,
weil Körner öfter streuen
die Menschen im Quartier.

Da heult ein Krankenwagen
sich grad ‘ne Schneise frei.
Der Ton schlägt auf den Magen –
damit er wirksam sei!

Im Park gleich um die Ecke
schnäbelt ein Liebespaar.
Die Straßen sind heut Strecke
für ‘ne Athletenschar.

Dazu ein Riesenrummel!
Spontanes Straßenfest.
Man macht ‘nen kleinen Bummel –
der Alkohol den Rest.

Das soll erst mal genügen.
Mehr passt auch nicht aufs Blatt.
Sucht selbst hinzuzufügen
so Szenen einer Stadt!

Maulsperre, urban

Maulsperre, urbanDas freche Mundwerk dieser Stadt,
das tags nie stille steht,
sich ausgeplappert hat
und seufzt sein Nachtgebet.

Kaum Lärm noch auf den Gassen,
verödet der Verkehr.
Von großen Menschenmassen
ist keine Rede mehr.

Auch scheint’s, als ob die Tölen
‘nen Maulkorb angelegt,
die eben noch zum Grölen
die Lefzen wild bewegt.

Das gilt auch für so Tiere
wie Taube, Mücke, Maus,
die schon im Nachtquartiere
sich schweigend schlafen aus.

Nur eines Vogels Klage,
nicht Ruf und nicht Gesang,
erdröhnt mit einem Schlage
zu aberwitz’gem Klang.

Dann wieder tote Hose
wie ‘n Kreuzgang nachts um drei.
Das Ohr selbst ‘ner Mimose
wär jetzt beschwerdefrei.

Der Dichter kommt ins Grübeln:
Ist Kunst denn so akut?
‘ne Stille wie aus Kübeln
tät auch dem Schlummer gut.

O Paradiesesruhe –
zu schön, um wach zu sein!
Vom Versfuß weg die Schuhe,
ins Betttuch mit dem Bein!

Rosa Wölkchen

Rosa WölkchenRosa, rosa Wölkchen wiegen
schwebend sich im blassen Blau,
Schwebebahnen, Schwebefliegen,
schwebend Schwere zu besiegen,
Lämmer auf der Himmelsau.

Einsam flötet noch ein Sänger
lockend wo aus dem Geäst,
Müßiggänger, Rattenfänger,
dass er eine Amsel schwänger
hoch in seinem Vogelnest.

Längst sah unsern Stern man gleiten
wendig hintern Horizont,
Meeresweiten, Wellenreiten,
wo er schon in andern Breiten
eine Frühe frisch besonnt.

Dunkler schon die Hausfassaden,
wie anämisch lichtentleert,
Wasserschaden, Nebelschwaden,
Schatten werden abgeladen
auf die Wand, die sich nicht wehrt.

Alles aber Ouvertüre
zu der Nacht gewalt’gem Part,
Liebesschwüre, Seidenschnüre,
dass sie sacht uns dahin führe,
wo das Dunkle unser harrt.