Archiv der Kategorie: Stadt

Spaziergang

SpaziergangAllmählich kommt die Stadt zur Ruhe.
Seit Stunden ist es dunkel schon.
Ich spring noch rasch mal in die Schuhe
und mach ‘ne kleine Exkursion.

Nicht die geringste Spur von Regen;
ein leichter Dunst nur trübt die Sicht.
Vereinzelt Laub noch auf den Wegen,
das knisternd untern Sohlen bricht.

Kein Wind mehr in den lichten Kronen;
die letzten Blätter regungslos.
Wo keine Vögel jetzt mehr wohnen,
die Nester liegen nackt und bloß.

In diesem schläferigen Schweigen
in milder Luft schreit ich voran.
Der Himmelslichter bleichen Reigen
führt strahlend der Polarstern an.

O welche Freude, zu genießen
den Frieden dieser Herbstnatur –
das heißt den Abend zu beschließen
mit einer wahren Seelenkur!

Nur manchmal lösen sich noch Schatten
von Menschen aus der Dunkelheit,
die wohl wie ich den Einfall hatten,
zu nutzen diese stille Zeit.

Da vorne seh ich grad verschwommen:
Da steht doch einer wie gebannt.
Jetzt bin ich näher rangekommen –
der steht und pinkelt an die Wand!

Wieder Abend

Wieder AbendWie immer ist es still geworden,
wenn sich der schwarze Vorhang senkt
und jener hohe Stern im Norden
des Träumers Blicke auf sich lenkt.

Indessen Nebelfäden spinnen
die Häuser immer dichter ein
und hüllen in das feinste Linnen
den gänsehäut’gen Mauerstein.

Wie kräftig muss der Mond da schwimmen,
dass er den Wolkendunst zerteilt,
um immer höher aufzuklimmen,
bis er den Augen fast enteilt!

Ich seh auch heute ihn wie immer
vom Tisch, wo ich den Musen dien
und der nur schwach erhellt vom Schimmer
des Flämmchens auf dem Stearin.

Die Flasche noch, das Blatt, die Feder –
damit wär’s Arsenal komplett,
mit dem ich kräftig zieh vom Leder
für das parnassische Nonett.

Mich zu ermuntern, summt die Therme,
schlägt spitz die Wanduhr mir den Takt,
verzehrt die Kerze sich vor Wärme,
dass mich die Schaffenshitze packt!

Und langsam, ohne mich zu hetzen,
erbau ich des Gedichts Struktur,
so wie die Maurer Steine setzen
mit Wasserwaage und mit Schnur.

Und seh es wachsen Zeil’ um Zeile,
bis seine Größe es erreicht,
indes ich unentwegt dran feile,
dass es auch wirklich Großem gleicht.

Meist ist zusammen mit dem Ende
des Roten auch das Werk vollbracht –
sonst spuck ich morgen in die Hände
erneut bei Stille, morgen Nacht.

Abendlied

AbendliedHätt ich’s nicht tausendmal beschworen,
weiß Gott, ich pfiff’s euch wieder zu –
das Lied der Nacht, die just geboren
aus Dämmerung und Abendruh.

Doch will ich nicht den Mond besingen,
wenn er sich groß mit Licht auch sträubt,
so wenig wie die Engelsschwingen,
die ganz mit Sternengold bestäubt.

Kein Wörtchen auch von jener Kühle,
die dampfend aus den Mauern steigt,
dass sie die Straßen überspüle
mit einem Dunst, der frostig schweigt.

Und auch den Wind soll nicht beschreiben
die Feder, die ich heute führ,
der flau vom fleiß’gen Blättertreiben
jetzt nicht mehr rüttelt an der Tür.

Noch wen’ger will ich davon schwätzen,
dass kaum ein Auspuff wo noch pafft
und Autos nicht mehr heimwärts hetzen
mit zügelloser Pferdekraft.

Ja, auch der Vögel nicht gedenken,
die ihre Flüge eingestellt
und keinen müden Piep mehr schenken
der kalten, sonnenlosen Welt.

Geschweige Menschen denn beschwören,
dern Schritte hier und da noch halln,
die umso deutlicher zu hören,
da jäh sie in die Stille falln.

Nein, nein, ich will euch heut nicht quälen
mit Sprüchen, die schon so ‘nen Bart,
und euch die Zeit, die kostbar, stehlen
für ‘ne poet’sche Butterfahrt.

Da wir nun einmal Nacht schon haben
und mörderisch gespannt ihr seid,
will ich nach seltnen Versen graben
im Schutze dieser Dunkelheit.

Schon kommt mir einer auf die Schippe,
den, Jesses!, ich noch nie gesehn:
„Als Sokrates würd mit Xanthippe
allmählich ich jetzt schlafen gehn.“

Ein Schmuckstück. Doch herbeigezogen
wie an des Kairos schopf’gem Haupt.
Na, nichts für ungut; bleibt gewogen,
dem, der euch so die Nerven raubt!

Rundgang

RundgangEin kleiner Rundgang kann nicht schaden.
Bewegung. Na, Sie wissen schon.
Und frische Luft. Die Lungen baden.
Kein Internet. Kein Telefon.

Nicht mal in ländlichem Gefilde:
Zum Hauptbahnhof paar Schritte nur.
Und doch strömt herbstlich feuchte Milde
aus diesem Torso der Natur.

Ein bisschen abseits jener Pfade,
auf denen der Verkehr sich staut,
den man bisweilen hört so grade
wie eines Echos fernen Laut.

In diesen stillen Seitengassen,
wo’s Auto lieber ruht als fährt,
hat man den Pflasterstein gelassen
und nicht getiegelt und geteert.

Da ist’s mir wie in Kinderjahren,
als der Asphalt noch nicht in Schwang
und von den Straßen, kaum befahren,
das Surrn der Reifen kräft’ger klang.

Man konnt es schon von Weitem hören,
wenn so ‘ne Karre sich genaht,
und ließ sich kaum beim Spielen stören,
nur kurz mal von der Fahrbahn trat.

Schön, so was grade hier zu finden,
wo man im Leben nicht dran denkt –
Idyll mit Kopfstein und mit Linden,
das auch Erinnerung noch schenkt!

Wie viel im Lauf der Zeit wir ließen,
was einmal teuer uns und wert!
Drum rasch die Reste noch genießen,
bevor ‘n Investor sie verzehrt!

 

Aussichten

AussichtenVoll Neugier lass ich durch die Scheibe
die Blicke wandern in die Welt –
vom Küchentisch in meiner Bleibe,
der mir als Musenpult gefällt.

Da seh ich auch schon diese Dame,
gestützt auf ihre Fensterbank –
o dass nicht Schatten nur sie rahme,
ein Blumennimbus sie umrank

Weil sie so lieblich da gelegen
wie auf ‘nes alten Meisters Bild
und auch der schönen Treue wegen,
die dieser tristen Aussicht gilt

Die heute Abend ausnahmsweise
von allem Finsteren befreit,
da ihr der Mond auf seiner Reise
ein volles Maß an Glanz verleiht!

Grad steht er übern Fahnenmasten
und stellt in seinem Licht sie bloß:
als Hungertücher, die beim Fasten
schlapp vorm Altar und regungslos.

Doch unaufhaltsam kreist er weiter,
ein Raumschiff ohne Halt und Ziel
und folglich ohne Jakobsleiter
und Gästebetten überm Kiel.

Ab der Trabant. Und ein Getöse
erschüttert jäh die bange Nacht –
dies doppelt, ach, Spektakulöse,
das Lärm und bunte Blitze macht!

Ein Fest, mit Feuerwerk zu feiern!
So’n Jahr ist ja nicht an(t)lassarm –
vielleicht ein Löffellauf mit Eiern,
gesponsert von ‘ner Hühnerfarm?

Vielleicht ein sonstiges Geschehen,
das hochgejubelt zum Event –
ein Wettbewerb im Däumchendrehen,
vor und zurück (der neuste Trend!).

Wie immer auch, die ganze Szene
mit Mond, Spektakel, Fensterfrau,
die ich Vers 2 als „Welt“ erwähne,
ist ja die ewig gleiche Schau

Die hier sich meinem Auge bietet
als winz’ger Bühnenausschnitt nur
von einem Platz, der fest gemietet –
Abonnement rund um die Uhr.

Wohl Welttheater? Pustekuchen!
Nicht mal ein derbes Bauernstück.
Guckloch für Typen nur, die suchen
im Winkel ihr bescheidnes Glück.

Wie auch, dass man es hier vermisse?
Die Zeit, verfließend sonst, gebannt
ins ewig Gleiche der Kulisse.
Verhängt die Spiegel an der Wand!

Allgemeine Sonntagsruhe

Allgemeine SonntagsruheIhr glaubt, auf diesen sonntagsleeren,
den Straßen unten sei nichts los?
Ein Festival der Feuerwehren –
das Gegenteil von Abrams Schoß!

Nicht enden wollendes Getute,
das kaum ‘ne kurze Pause kennt,
da ausgerechnet diese Route
zu allen Punkten führt, wo’s brennt.

Und dass dies höllische Gedröhne,
mit dem man übers Pflaster flitzt,
die angemessne Optik kröne,
ein Blaulicht auf den Blechen blitzt.

So boxen sich die Dioskuren
gemeinsam ihre Wege frei:
Dem Auge der Verblendung Spuren,
dem Ohr ‘ne Anti-Loreley!

Natürlich weiß ich um den Nutzen,
der Leiter, Beil und Schlauch entspringt,
und würd doch gern die Platte putzen,
wenn er so schrill sich selbst besingt.

Zumal, ihr habt es schon erraten,
dem Dichter heilig seine Ruh,
dass mit dem Versfuß er kann waten
in seichten Träumen immerzu.

Soll er nicht auf den Sabbat setzen,
der für besonders friedlich gilt?
Den keine heißen Hunde hetzen
wie sonst der Wochentage Wild?

Nun ja, es liegen an der Kette
gewiss die meisten Köter heut.
Doch reicht nicht einer, dass die Stätte
sich ihres Friedens nicht erfreut?

Und schon der nächste rote Kasten,
wie er mit Donner naht und Blitz!
‘ne Gegend hier, um auszurasten:
Thor, Zeus und Jahve. Göttersitz.

Poesie wird kleingeschrieben

Poesie wird kleingeschriebendie dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der schwächer wird
der möwe schreie die verklingen
die fledermaus die lautlos schwirrt

in schattenrouge getaucht die mauern
für ihre hochzeit mit der nacht
die ersten blassen sterne kauern
grad aus dem wolkenbett erwacht

gedämpfter schleichen sich die töne
in meines küchenstudios ohr
kein krach mehr heute kein gedröhne
die ambulanz mal außen vor

in den fassaden angegangen
schon hier und da das stubenlicht
ein glühen auf den häuserwangen
das eckig aus dem dunkel sticht

der mond rollt ruhig auf dem pflaster
das locker seine bahn bestimmt
kein pkw sonst da kein laster
rein nichts was ihm die vorfahrt nimmt

und auch die loreley da drüben
die fensterfrau im dritten stock
scheint weiter sich darin zu üben
dass sie die blicke auf sich lockt

o rad das niemals anzuhalten
die speichen schaufeln finsternis
bis morgens sie dann kurz erkalten
weil sie verschnaufen müssen bis

die dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der ihr erliegt
verstummt der amsel vespersingen
gespenstisch wie die eule fliegt

nun rühren sich millionen wesen
die klug das licht des tages scheun
im schutz der dunkelheit zu lesen
im lebensbuche für nach neun

und morgen übermorgen wieder
wer weiß in tausend jahren noch
macht dann wohl solche küchenlieder
gekonnter gar ein sternekoch

 

Die Stadt der Tauben

Die Stadt der TaubenWas für ein felsiges Gebilde
die Stadt, vom Dämmer jetzt umspült,
dass selbst die Taube, die einst wilde,
sich gurrend in ihr heimisch fühlt!

Man sieht hier tausend Türme ragen
gigantisch aus dem Häusermeer,
die könnten glatt den Himmel tragen,
wenn Atlas mal marode wär.

Und still zu ihren Füßen kauern
Gebäude, halb so hoch wie sie,
doch ebenfalls mit dicken Mauern
verbissener Monotonie.

Auch ist’s im Auf und Ab der Steine,
im Wellenschlag gebauter Welt
(was hilfreich wie ‘ne Rettungsleine)
mit Höhlen wunderbar bestellt

Wo es sich ausgezeichnet brütet
nach alter Taubenväter Art,
dieweil, selbst wenn ‘ne Windsbraut wütet,
vor Schäden man am Nest bewahrt.

An Speise scheint es nie zu fehlen,
ist seltsam auch der Tisch gedeckt –
doch muss man immer Körner wählen,
wenn vieles sogar besser schmeckt?

Nun hausen sie, zumeist in Paaren,
urban anstatt in Kliff und Kluft,
wo sie im Mangel sesshaft waren,
bevor Migranten sie der Luft.

Ich kann es ihnen nachempfinden,
dass sie geflohn in ihrer Not,
sich wen’ger irgendwo zu schinden
für ein paar Bissen täglich Brot.

Und haben sie nicht aufgegeben
nur schweren Herzens einen Fleck,
der Start und Stütze ihrem Leben
über Jahrtausende hinweg?

Wo flatternd sie im weiten Raume
der Felsenseligkeit geschweift,
sobald entwachsen sie dem Flaume
und zu beschwingtem Flug gereift?

Die Dämmerung hat zugenommen,
vertilgt des Lichtes letzte Spur.
Wie schön dies Taubengrau, verschwommen –
und draußen erst in der Natur!

Nachbarin Sphinx

Nachbarin SphinxHat sie mich heute angesehen?
Nahm meinen Schatten hier sie wahr,
so wie ich sah spazieren gehen
ihr unsichtbares Augenpaar?

Ich kann den Blick nicht von ihr wenden,
wenn sie sich aus dem Rahmen beugt
und ohne Unterleib und Lenden
wie eine Sphinx ins Dunkel äugt.

Wobei, von dieser nicht verschieden,
sie nie wohl Sehenswertes fand,
starrt ja auch die der Pyramiden
nur Löcher in den Wüstensand.

Doch scheint auch sie mir zu umgeben
‘ne Aura der besondren Art,
von der den Schleier aufzuheben,
ich wünscht mir ihre Gegenwart.

Würd, auf die Probe mich zu stellen,
ein Rätsel sie mir präsentiern,
und ließ mich, könnt ich’s nicht erhellen,
die kaum errungne Gunst verliern?

Das sollte mich nicht sehr verdrießen,
droht heut ja nicht mehr das Schafott,
höchstens ‘ne Hand, aufs Haupt zu gießen
die Reste aus dem Pinkelpott.

(Was leiblich leidlich zu ertragen,
wenn’s auch die Seele sicher stört,
die ja zu ihrem Wohlbehagen
weit mehr auf Rosenwasser schwört.)

Jetzt hat sie sich zurückgezogen!
Als wär ein Tintenfleck versiegt
auf einem dicken, gelben Bogen,
der bündig auf der Scheibe liegt!

Ließ nur dem Auge ‘ne Gardine,
(von hier gesehn) nach rechts gerafft.
Theaterpause. Leidensmiene
des Herrn, der auf die Szene gafft.

Ach, dass hier drüben sie mich sichte,
die Hoffnung ist doch gar zu dumm!
Guckt einer, der im Rampenlichte,
denn je bewusst ins Publikum?

In diesen Dämmer einer Masse,
die stumm ihm folgt, bewegt-gebannt,
Abonnement und Abendkasse –
dem Mimen aber vierte Wand?

Und wie ein Phönix auferstanden,
am Fenster wieder die Gestalt!
Wie soll ich bei ‘ner Lady landen,
die so mobil durchs Zimmer wallt?

Da wird sich kein Kontakt ergeben;
die Straße trennt, asphaltner Styx.
Es ist so, wie es ist im Leben:
Das meiste geht wohl in die Büx.

Doch lass den Blick ich weiter schweifen
zu der Schimäre vis-à-vis.
Man soll am Missgeschick ja reifen.
Womöglich auch die Poesie?

 

Schön verbaut

Schön verbautGewiss nicht grade hübsch zu nennen,
was Städteplanern so gefiel –
die Bauten rings hier Welten trennen
von Kunstgeschmack und gutem Stil.

Ensembles nicht erlesner Mauern,
zu schmeicheln unserm Schönheitssinn,
nein, Blümchen eher, die versauern
und welken jüngferlich dahin.

Indessen als des Hauses Wappen
veracht man die Fassade nicht!
Es reicht nicht, Klinker draufzupappen,
und fertig ist das Mondgesicht!

Die gelben und die grauen Töne,
die streiten um den Vortritt hier.
O dass ich niemals mich gewöhne
an so’n anämisches Quartier

Und an der Klötze Langeweile
in ihrem kubischen Kalkül
von dieser halben sünd’gen Meile
bis zu des Domes Chorgestühl!

Sollt man ein Prädikat verleihen
der hies’gen Drachentöterflur,
man müsste als der Welt es weihen
vererbte Mörtel-Unkultur.

Drum Klappe zu und aus der Ofen,
Rom hat gesprochen, Fall gelöst,
ein Viertel, wie gemacht zum Pofen,
weil man bei Licht sich daran stößt?

Wie heißt es? In der kleinsten Hütte
bleibt doch noch immer Raum genug.
Was ich mit Spott hier überschütte,
es hemmt nicht den Gedankenflug.

Die Fantasie spannt ihre Flügel,
und wär sie in Beton gezwängt.
Dem Geist ist alles Feldherrnhügel,
von dem er seine Schlachten lenkt.

Die Bude seht, in der ich hause
inmitten dieser Häuserreihn:
Ruine, Schuppen, Klitsche, Klause –
und doch ein Turm aus Elfenbein!