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Maestro

MaestroEr hebt den Taktstock. Totenstille.
Fängt an zu fuchteln: Klang erglimmt –
nach des Maestro Wunsch und Wille
Musik und Musikant gestimmt.

Mit schwenkbar gut geölten Armen
peitscht er Signale in den Saal,
derer die Geigen sich erbarmen
und auch die Pauken Mal für Mal.

Die Bratschen branden in den Reigen,
die Celli jubeln, die Oboen,
Fagotte, Hörner wolln nicht schweigen,
so wenig wie das Saxophon.

Die eifersücht’ge Klarinette,
auch sie hält nicht mehr hinterm Berg,
da alles brünstig um die Wette
sein Herzblut gibt für dieses Werk.

Wie sie nach seiner Pfeife tanzen
und seine Grillen orchestriern,
die mit subtilsten Tonbalancen
den Komponisten koloriern!

Am Ende Taumel der Gefühle.
Kadenz. Finale. Tutti. Schluss.
Kurz Stille. Dann vom Fan-Gestühle
Gejauchze bis zum Überdruss.

Der Meister, ganz in Schweiß und Hitze,
das Haar, genialisch lang, verklebt,
wie riss er wieder mal vom Sitze
den Bürger, der nach Höh’rem strebt!

Der Zauberstab, den er geschwungen,
dass mit der Harmonie es klapp,
hängt wie mit ausgepumpten Lungen
nun schlaff von seiner Hand herab.

Wie oft muss er sich nicht verbeugen!
Wie viele Bravos im Applaus!
Ihm seine Klasse zu bezeugen,
zwingt ihn das Volk zu zig Kotaus!

So lässt er gerne sich verehren,
genießt er Dirigentenruhm,
indes die Jahre sich ihm mehren
zu immer reif’rem Künstlertum.

Wie er es liebt, den Stock zu fassen!
Doch dann die letzte Partitur –
‘ne Passacaglia auf den Gassen!
Getragen. Und Trompeten nur.

Vollmond

VollmondWie ich verträumt und in Gedanken
zum Himmel einfach mal so schau,
seh ich in Wolkenbänken schwanken
den vollen Mond, als wär er blau.

Mal taucht er halb nur aus den Wogen,
mal thront er auf ‘nem Wellenkamm,
doch da er Ölzeug angezogen,
durchweicht es ihn nicht wie ein Schwamm.

Wie feist er glänzt in seinem Kleide!
Und wie heroisch er sich hält,
dass so allein auf finstrer Heide
ihn nicht die nackte Angst befällt!

(Sein Schicksal möchte ich nicht teilen
und lebte ich in Ewigkeit:
als Zeiger nur im Kreise eilen
als Zeiger der verlornen Zeit.)

Er kämpft sich durch. Naturgewalten
diktiern Geschwindigkeit und Bahn.
Mal zu verschnaufen, anzuhalten:
nicht vorgesehn im Schöpfungsplan.

So mag er wohl dem Menschen gleichen,
der zwanghaft rennt in seiner Spur,
indes die Stunden ihm entweichen,
die eh schon knapp bemessen nur.

Ich glaube, wenn die Wahl ich hätte,
zu kurven ewig, aber blind,
oder zu weiln an einer Stätte,
wo sterblich meine Freuden sind

Wär sicher mir das Letztre lieber:
ein Glück, das kurz, doch intensiv –
und eingeschmuggelt als Kassiber
in einen Schlaf, unendlich tief.

Indem ich derlei noch so denke,
kommt mir der Wandrer aus dem Blick –
verschluckt von einer Wellensenke,
verschwunden hinterm Straßenknick.

Statt seiner geht die nächste Frage
mir auf am Seelenhorizont:
Ob meine wen’gen Erdentage
auch wirklich wunderbar besonnt?

Kommando

Kommando„Und jetzt: Das Ganze stillgestanden!
Und rührt euch!“ (Mal auch: Schnarchverein!).
So macht er nach und nach zuschanden
die Bänder, die ihm Stimme leihn.

Doch sollt den Burschen ich benennen,
der sich den Unterhalt erbrüllt,
und mag ich noch so sehr drauf brennen,
mein Brägen sich in Schweigen hüllt.

Ich kenn ihn nur vom Hörensagen.
Ich war nicht Schütze Arsch beim „Bund“.
Hier steht’s (ich habe nachgeschlagen):
Spieß, Schleifer oder Säuselmund.

Die frischen nimmt er, die Rekruten
ins martialische Gebet
und lässt sie in der Mangel bluten,
die er mit wilder Wollust dreht.

So als Sadist und Leuteschinder
prädestiniert für die Armee,
so wär er auch, mit Frack und Binder,
ein Wirtschaftsboss von Kopf bis Zeh.

Wo liegt der Unterschied beim Drillen?
Sei es das Heer, die Industrie –
a) geht’s drum, Konkurrenz zu killen,
b) um die Menschmaschinerie.

Denn nur wenn man zum Aufbegehren
den Willen erst einmal zerstört,
die Lämmer Macht und Reichtum mehren
der wen’gen, denen viel gehört.

Doch will ich nicht vom Thema weichen.
Mir ist’s um den Profos zu tun,
in dessen Kehle ohnegleichen
vulkanisch die Befehle ruhn.

Die kann er aus der Hüfte schießen
fast ohne Ansatz, piff und paff,
dass deshalb längst schon nicht mehr sprießen
die Gräser im Kasernenkaff.

Kann jemand größ’rer Machtentfaltung
sich rühmen auf der weiten Welt?
Von andern fordern Form und Haltung,
dieweil man selbst wie’n Köter bellt?

Was für ein Nichts, das aufgepustet
(dem Ochsenfrosch gleich bei Äsop)
den Rest Verstand schon weggehustet
aus seinem Weichhirnbiotop!

Und doch, man schämt sich, es zu sagen,
Symbol für unsre Wirklichkeit:
Des Daseins größtes Wohlbehagen
blüht dem, der alles überschreit!

Nicht Wissenschaft und Nächstenliebe,
die so viel Gutes tun auf Erd’,
nein, dieses lärmende Getriebe
von Show, Pop, Sport ist Goldes wert.

Doch eben nur für kurze Dauer.
Das Leben hält nicht ewig vor.
Und selbst so’n Prolo, selbst so’n Bauer
zirpt irgendwann im Käferchor.

Das wird dem Schreihals gar nicht munden –
‘ne Friedhofsecke, still und stumm;
und die er grade noch geschunden,
die trampeln nun auf ihm herum!

Auf Pirsch

Auf PirschEin Wechsel, den ich ewig kenne:
Der Tag, der sich in Nacht verkehrt.
Wo eben noch die Dachantenne,
herrscht Finsternis, die Sterne nährt.

Zu trüben Funken angeblasen:
Laternen, krumm, am Straßenrand,
grad so wie ihre Vettern, Basen –
die Lichter in der Häuserwand.

Ein schmeichelhafter Ausdruck: Lichter!
Ein Schimmer nur, der nichts durchdringt.
Das Dunkel, ach, wird immer dichter,
das nach und nach ihn ganz verschlingt.

So wie die Fahrbahn schon versunken
im schwarzen schwärenden Morast,
der mit Geschäften und Spelunken
die ganze Straßenschlucht umfasst.

Von nichts und niemand aufzuhalten.
Es kommt so, wie es kommen muss –
da der Naturgesetze Walten,
hier mein poet’scher Impetus.

Wenn draußen sich die Stadtkonturen
im Dämmer immer mehr verliern,
durchstreif ich meines Hirnes Fluren
nach Worten, die Gedichte ziern.

Und wie der Jäger seine Flinte
und seinen Hund als Helfer hat,
so spritz auch ich nicht meine Tinte
ganz ohne Waffen auf das Blatt.

Ein Kerzlein flackert mir zur Seite,
das stöbert die Gedanken auf,
die kommen dann in voller Breite
der Flasche vor den feuchten Lauf.

Nun heißt es rasch und sicher schießen,
damit man schön auch was erlegt,
und jeden Treffer kurz begießen,
was weitere zu fördern pflegt.

Was ist das für ein Glücksempfinden,
wenn Knall auf Fall der Schuss gelingt
und in der Küchenluft, der linden,
still aufs Papier ‘ne Strophe sinkt!

Und ist der Rebensaft verschossen,
blas Vers-Tod ich nach meiner Pirsch,
die Strecke musternd unverdrossen,
ob untern Hasen auch ein Hirsch.

Doch darf man nicht zu viel verlangen.
Das Jagdglück ist mal so, mal so.
Heut tätschelt’s freundlich dir die Wangen
und morgen kneift’s dich in den Po.

Warum auch nur auf Beute gucken,
da man den Kribbel besser kriegt,
wenn man, indes die Finger jucken,
geduldig auf der Lauer liegt!

Den Stift im Anschlag. Bangen. Hoffen,
dass gut man seinen Sitz gewählt.
Und dann das Blatt, so weiß und offen –
und doch wie häufig schon verfehlt!

Wahrheiten

Wahrheiten„O saeculum, o litterae,
es ist ‘ne Lust, in dir zu leben!“
Wenn ich die Frontfrau recht versteh,
soll’s überall nur Wohlstand geben!

Doch mag sie’s ständig auch beteuern
in zwanghaft psychopath’scher Art,
sie kann auf Dauer nicht bescheuern
ein Volk, das sich Verstand bewahrt.

Was schenken uns die nackten Zahlen,
gesammelt vom Statistikamt?
Der Wahrheit Beigeschmack, den schalen,
der nicht der Heuchelei entstammt.

In diesen gottverdammten Jahren,
da diese Rotte uns regiert,
hat ohne Scham man an den Haaren
Gewinne nur herbeizitiert

Um so den Eindruck zu erwecken,
als kämen jedem sie zugut,
obwohl doch nur die Reichen stecken
den Beutebruch sich an den Hut.

Heißt: Zehn Prozent in diesem Laden
haben’s so dick wie Dagobert
und können in ‘nem Pool sich baden,
der ‘s halbe Volksvermögen wert.

Und wie in diesem Pfuhl gestiegen
des Eigners warmer Wasserstand,
so mussten nasse Füße kriegen
die armen Schlucker um den Rand.

Die Fakten! Doch die Akrobaten,
die uns mit allen Tricks regiern,
jonglieren gerne mit den Daten –
und manche ganz eskamotiern.

(Das mag die Frontchristfrau entlasten,
so war es immer ja schon Brauch –
und sie dreht nur den Leierkasten
wie ihre Vorklugscheißer auch.)

Der Abstieg für die große Masse:
negiert, verschwiegen, Asche drauf!
Wer eh schon hat, macht weiter Kasse.
Wer eh nichts hat, der füllt sie auf.

Wie’n Warenhaus, nicht auszumalen!,
das alles führt und alles hat,
und wo die Armen doppelt zahlen
und für die Reichen gibt’s Rabatt!

Die ahnungslosen brechtschen Kälber,
die blindlings ihrem Schlächter traun,
wann merken sie denn endlich selber,
dass die sie nur in Stücke haun?

Ach, einmal wird es ihnen dämmern,
dass alles nur ein schöner Schein
und sie die Ob’ren nur behämmern
mit ihrem Tarn-Politlatein.*

(*Die Kälber werden weiter trotten
‘ne Weile wohl noch dämlich hier,
doch mag man ihrer Schwäche spotten:
Sind sie nicht eines Tages Stier?)

Denn abgesteckt sind schon die Trassen,
die Weichen lange schon gestellt,
dass künftig wen’ge mehr noch prassen,
die Mehrheit mehr ins Elend fällt.

Der lange Marsch der Billiglöhne
kommt ja im Alter einst zur Ruh –
dann, Rententöchter, Rentensöhne,
drückt’s richtig euch die Gurgel zu!

Die Armut weiter auszubreiten,
gelingt perfekt dem Hohen Haus –
und stellt ihm selbst für alle Zeiten
das beste Armutszeugnis aus!

Warum indes die ganzen Lügen?
Der vielen Stimmen wegen nur,
die’s braucht, die Leute zu betrügen
‘ne weitere Legislatur?

Wenn so auf Kreuze sie versessen,
auf ew’ges Herrschen wohl bedacht,
wie können sie dann nur vergessen,
dass auch Freund Hein gern Kreuze macht?

Barbier

BarbierEr ist Friseur und kennt die Welt.
Mit wem hat er nicht schon geplappert!
Die Strähne, schnipp, die Locke fällt.
Er labert und die Schere klappert.

Politikern geht er ans Haupt.
Da muss er immer fix was schneiden.
Mit ihnen redet er geschraubt.
Die hohen Herren mögen’s leiden.

Für Künstler gilt ein andrer Stil.
Die lassen gern die Mähne flattern.
„Nur Spitzen kürzen, doch nicht viel!“
Mit ihnen auch gebüldet schnattern!

Und ja mit den Poeten bloß!
Da muss man seine Worte wägen.
Doch nach der Art des Figaros
ist er um diese nicht verlegen.

Mal hat er auch ‘nen Musikus,
womöglich gar ‘nen Dirigenten,
den just er so beschneiden muss
wie jene Strophe-3-Patienten.

Wie rhythmisch regt er dann die Hand –
als ob er einen Taktstock schwänge.
Und säuselt süßlich im Diskant:
„Gewiss, nur wenig von der Länge.“

Da bricht ein Sänger ihm ins Haus,
der röhrt sich jetzt durch alle Sender.
„Nur färben. Alle Töne Blaus!“
Gebalz mit einem Sechzehnender.

Hat er nicht sogar schon toupiert
den – Diskretion, nur Zaunpfahlwinken! –
Den X, der seinen Skalp verliert
in so ‘nem alten Cowboy-Schinken?

Dazwischen aber, welch Kontrast,
des Handwerks rühriger Kollege –
ein biedrer Bäcker, der nicht passt
in dieses Große-Tier-Gehege.

Was der für kleine Brötchen backt!
Na ja, nicht jedem kann’s gelingen.
„Heut tüchtig Mehl schon eingesackt?“
Die Blicke kreuzen sich wie Klingen.

Ach, könnt er doch dem Meisterbrief,
da an der Wand dem Dokumente,
den Zusatz geben: „Und aktiv
in Sonderheit für Prominente.“!

Da mondgleich jene er umkreist
den lieben Tag mit Kamm und Schere,
was Wunder, dass er selber gleißt
im Glanz geborgter Künstlerehre!

Von Kopf bis Fuß ist er gestylt.
Ein Kunstwerk, das auf Stelzen wandelt.
Und modisch weit vorausgeeilt
den Herrn, die haarig er behandelt.

Wenn einer so durchs Leben springt
und sich nicht sorgt ums sel’ge Ende,
was, wenn das Totenglöckchen klingt,
dass es ihm Grabesgrüße sende?

Wird er wie wer, der distanziert
bewertet seines Daseins Nutzen,
nur achselzuckend resigniert
und ohne Wort die Platte putzen?

Er wird zum letzten Mal sich schönen,
ein Eauchen da, ein Gelchen hier,
und sterbend wie einst Nero stöhnen:
„O welch ein Künstler stirbt mit mir!“

Und dann der Grabstein, groß, gediegen.
Darunter leiht ihm nun Gehör
Gewürm. Geduldig und verschwiegen.
Was will man mehr als Coiffeur!

Manager

Manager2Natürlich immer schick in Schale.
Die Wangen glatt und gut gebräunt.
Krawatte: strenge Vertikale.
Und sportlich fit. Kein Tabakfreund.

Daran gewöhnt, zu kommandieren.
Wo nötig, auch mal mit Gekläff.
Sein Hobby ist das Bilanzieren.
Man sieht: Von Kopf bis Fuß ein Chef.

Dass, spitze er an Rang und Gage,
auch baulich stets am höchsten hock,
liegt seine Residenzetage
dem Himmel nah im letzten Stock.

Und näher auch den Göttersphären
als dem Portier und dem Pedell
und all den Klammern, Heftern, Scheren
vom unteren Gehaltsmodell.

Wer’s wagt indessen vorzudringen
bis an den heiligen Bezirk,
muss erst die Sekretärin zwingen,
dass Audienz sie ihm erwirk.

Da kann man allerdings verschimmeln.
Denn darauf ist sie ja geeicht,
zunächst mal alles abzuwimmeln:
„Nicht heut, nicht morgen. Doch vielleicht…“

So weiß den Nimbus er zu wahren.
So hält er alle auf Distanz.
Im Äther thront er hoch, im klaren.
Und unter ihm der Rattenschwanz.

Büro, gewiss, mit Großraummaßen.
Gestühl und Schreibtisch exquisit –
was Gästen, die da schon mal saßen,
gediegenen Geschmack verriet.

(Und weil ein solcher Wirtschaftsführer
nicht wie’n Banause haust im Loch,
hängt da die „Sternennacht“ von Dürer
sowie der „Hase“ von van Gogh.)

Versteht sich aufs Repräsentieren.
Füllt Räume, wo er geht und steht.
Wird nie den Überblick verlieren.
Geborene Autorität.

Im Wellenschlag bewegter Zeiten
wie’n Kapitän auf seinem Schiff.
Die Kurse lässt er nicht entgleiten –
er hat den Laden fest im Griff.

Und wie der Alte auf der Brücke
bestimmt er seiner Crew Geschick:
den einen zum Beförd’rungsglücke,
den andern zum Karriereknick.

Wie’n Gott kann schalten er und walten.
Die Firma macht vor ihm Kotau.
Kritik nur heimlich und verhalten.
(Erlaubt nur der Vorzimmerfrau.)

Lässt sich im Leben mehr erwerben
als Status, Kompetenz, Respekt
und Wohlstand, den man seinen Erben
als Bonus in die Wiege steckt?

Wie lange hat er sich geschunden,
bis er auf diesem Gipfel stand –
und manchmal auch verflucht die Stunden,
da er so hoch sich einsam fand!

Und schaut in seltnen Augenblicken
er fragend auf die Lebensuhr,
dann zeigt sich, dass in ihrem Ticken
zerrann auch seiner Jahre Spur.

Erfolg, die Leib- und Magenspeise,
die ihm die Schinderei gewürzt,
was nützt er auf der letzten Reise,
wenn’s Kartenhaus zusammenstürzt?

Zu spät, um noch Bilanz zu ziehen
für eine Revision zur Not.
Bald lässt der wahre Boss ihn knien:
im Souterrain der Tod.

Straßenfeger

StraßenfegerEin Wochentag zur Abendstunde,
und wie im Schlummer liegt die Stadt!
Kein Laut mehr vom asphaltnen Grunde.
Halb neun erst zeigt mein Zifferblatt.

Laternen ihre Hälse recken,
zur Straße biegend ihr Genick,
doch gibt’s da nichts mehr zu entdecken
für ihren trüben Neonblick.

Verschluckt vom Boden die Passanten,
dern Schritte sonst im Dunkel halln.
Wie leergefegt die Bordsteinkanten,
wo sich gewöhnlich Bleche balln.

Fassaden, mit Oasen immer
von Licht im nächtlich-düstren Bau,
erhellt nur hier und da ein Schimmer
von seltsam blutlos blassem Blau.

Die Erde, stets von Wind umflossen,
wie hält sie jetzt den Atem an!
Den Bäumen gleichsam angegossen
die Blätter wie im Zauberbann.

Der Himmel selbst hat sich verschworen
und schweigt in diesem Schweigen mit.
Kein Mond, kein Stern. Nur traumverloren
Gewölk, das auf der Stelle tritt.

Warum, was strotzend sonst von Leben,
wohl dieser Stille heut verfiel?
Nur eine Deutung kann es geben:
Im Fernsehn läuft ein Fußballspiel!

Gut betucht

Gut betuchtNatürlich will seriös er scheinen
und ist dabei ein Modegeck.
Von feinstem Tuch an seinen Beinen
die Hose, die so glänzt wie Speck.

Von herbstlich ahornfarbnem Leder
die Schuhe, die er dazu trägt.
So teure Botten hat nicht jeder –
ob er mit Mandelmilch sie pflegt?

Krawatte, klar. Von reiner Seide.
Doch nicht zu knallig, eh’r gedeckt.
Das Sakko auch ‘ne Augenweide.
Und sitzt, wir ahnten’s schon, perfekt.

Das sind die Unvollkommenheiten,
die heut ihm rauben nicht die Ruh,
doch in den alten, bessren Zeiten
gehörten Stock und Hut dazu!

Ach, ich vergaß, ihn vorzustellen:
Ein Herr*, der in Geschäften macht –
von toten Leopardenfellen
bis zu lebend’ger Menschenfracht.

(*Hier ist mit lebenden Personen
die Ähnlichkeit ja so frappant,
und sind doch ihrer auch Legionen,
dass sie mit Namen nicht genannt.)

Gern handelt er auch mit Papieren,
dern Steig’rung er an Wert verheißt,
und wenn sie diesen just verlieren,
er andre umso lauter preist.

Auch Landesfrüchte armer Staaten
sind ihm Objekt, zu spekuliern,
Garanten schöner Zuwachsraten –
auch derer, die im Dreck krepiern.

Doch zweifellos die Top-Rendite
erzielt er mit ‘nem Waffendeal –
so’n Panzer ist die halbe Miete
fürn Park- und Protzerdomizil.

(Gewissensbisse ausgeschlossen.
Er schläft so ruhig wie ein Kind:
Geht nicht die Lief’rung von Geschossen
an Länder, die (noch) friedlich sind?)

So scheffelt er sich die Millionen,
mit denen er Millionen kränkt –
und weiß, das Vaterland wird’s lohnen,
indem es ihm die Steuern senkt.

Kotau der Ober-Ignoranten
vorm Fetisch Unternehmergeist:
Des Volks bekreuzte Abgesandten
genauso dumm wie jener dreist.

Im schönen Aufputz einer Würde,
die ihm des Schneiders Elle maß,
nimmt leichter er so manche Hürde
und gibt geschäftlich richtig Gas.

Nach außen eine weiße Weste
aufs rabenschwarze Herz gepappt,
so zeigt von sich er nur das Beste –
und, Teufel auch!, der Schwindel klappt!

Der allerschlimmste Menschverächter,
den irgend man sich denken kann,
maskiert sich so zum Tugendwächter
und ordensreifen Biedermann.

(Nur halb ist schuldig er zu nennen,
wenn er so gierig rafft und raubt,
da ja, von dem wir Gleiches kennen,
der Staat die Schandtat ihm erlaubt.)

Kann zur Räson man jemand bringen,
des edle Seelenkräfte ruhn,
und Maß in Dingen auch erzwingen,
die nicht mit Stich und Stoff zu tun?

Natürlich nicht. In seiner Wiege
schon lag der zierlich kleine Colt,
dass mit Gewalt er einmal kriege
des Erdennachbarn Geld und Gold.

Und dies ihm aus dem Sinn zu schlagen,
die Welt nicht über sich gewann:
Mit offenkund’gem Wohlbehagen
sah als den Ihren sie ihn an!

Ach, blind geboren, blind gestorben.
Nur schade, wenn sein Leben flieht,
dass, den er „redlich“ sich erworben,
den Marmorstein er nicht mehr sieht.

Illusion

IllusionSchon geht die Uhr auf Mitternacht.
Gleich ist die Flasche leer.
Das weiße Windlicht flackert sacht
im Zug vom Fenster her.

Der Lärm des Tages abgeflaut.
Die Autos wo versteckt.
Gäb die Zikade jetzt noch Laut,
die Stille wär perfekt.

Die Schwüle immer noch nicht schwand.
Das Hemd am Halse feucht.
Der Himmel wölbt sich übers Land
mit kaltem Sterngeleucht.

Gemächlich zieht ein voller Mond
im Bogen seine Bahn,
der groß in seinem Hofe thront,
doch ohne Untertan.

Die Küche hier, mein Studio,
wenn mich der Hafer sticht,
das heißt zu essen sowieso,
doch auch für ein Gedicht

Döst friedlich unterm Firmament:
Wie’n Fels, der Tonnen wiegt,
nicht Hagel, Sturm und Kälte kennt
und keinen Schnupfen kriegt.

Doch nur Oase, nur Asyl
im Meer von Furcht und Leid,
im Stern- und Galaxiegewühl,
aus dem das Chaos schreit.

Was mich nicht hindert am Genuss
der Speisen, die sie birgt –
der auf den lyrischen Erguss
gewöhnlich stärkend wirkt.

Zög sich das ewig in die Läng,
es wär genau mein Fall:
Ich tränke, träumte und ich säng
mich durch das ganze All.

Nie stellt sich Langeweile ein,
zu schreiben wär genug;
bis an den Rand von Sein und Zeit
reicht der Gedankenflug.

Auf jedes Stäubchen, kosmosweit,
macht ich mir meinen Reim
und schließlich die Unendlichkeit
zum Hause mir und Heim.

O Schreck, verplaudert wieder mal!
Vergesst, was ich geschwätzt!
Nur weil in unser Fleisch der Pfahl,
der Totenkopf geätzt!

Jetzt aber schlafen, spät ist spät.
Da die Plejaden schon!
Die Welt, wie sie sich ewig dreht –
ach, keine Illusion!